Februar 1911



Bitte an Menschenfreunde


Ich bin alt und möchte mein Haus bestellen. Manches ist in Ordnung zu bringen. Ich bin vielen Leuten Erklärungen schuldig. Daß ich dies getan und jenes gelassen habe, genügte ihnen nicht. Sie wollten auch wissen, warum. Ich möchte ihnen, was sie zu fordern haben, zahlen, ehe ein unerledigter Posten meinem Andenken Schwierigkeiten macht. Es geht um das, was jene, die nicht einmal das haben, Ehre nennen. Meine Ehre also ist dort, wo ich sie nicht gern hinterlassen möchte: in den Händen der Leute. Es geht um eine Selbstverständlichkeit, für die ich nicht mehr pathetisch zu werden brauche, wenn sie mir genommen wird. Denn die Zeit ist vorüber, wo der Kampf gegen den Schmutz dem Kämpfer außer der Reinheit auch die Empfindlichkeit zur Pflicht machte. Wenn mich jetzt einer verdächtigt, schützt mich die Distanz. Jetzt schneide ich das Glas mit einem Diamanten: noch immer ist es nur Glas. Wie aber könnte Glas den Diamanten ritzen? Ein peinliches Geräusch, geistigen Dingen mit Verdächtigung der Motive beizukommen! Noch steigt mir das Blut zu Kopf, wenn einer behauptet, ich haßte nur, weil mir ein Butterbrot verweigert wurde: aber es ist nicht mehr wegen meiner Ehre, sondern schon wegen seiner Dummheit. Jetzt, da mir die Nacht über einem Wort vergeht, ist der Verdacht, daß der ganze Artikel aus Gewinnsucht geschrieben sei, wohl von der Hand zu weisen. Jetzt, da ich einem verlorenen Komma bis Leipzig nachlaufe, im Traum mir Feinde mache und die des Tages mir zu Hirngespinsten forme, dürfte der Beweis, daß es aus Skandalsucht geschieht, kaum mehr zu erbringen sein. Aber der leibhaftige Wiener kann dem Unbegreiflichen nur standhalten, wenn er es zu motivieren sucht, und weil ihm nur seine eigenen Motive zur Hand sind, verleumdet er. Gegen mich steht eine Skepsis, die an sich selbst verzweifeln müßte, wenn sie glaubte. Es darf nicht sein, daß ich ein Ehrenmann bin; sonst müßten Stadtteile an dem Gefühl ihrer Ehrlosigkeit zugrundegehen. Sie sind ohnedies ständig in Lebensgefahr. Haß, der nur aus Blicken spricht, ist Leiden. Könnte man ihn zu einer Tat summieren, ich wäre längst tausend Tode gestorben; da ich lebe, fürchte ich, daß die City an Gallensteinen leidet. Was muß die in den zwölf Jahren gelitten haben! Stumm; und die Satiriker, die der Stimmung Ausdruck gaben, verschlechterten nur den Zustand. Was als Angriff begrüßt wurde, erledigte sich als die Hemmungslosigkeit eines scherzhaften Schwachkopfs, und meine Feinde begannen sich meiner Spötter zu schämen. Mit mir anbinden wollen, war ein Symptom der Minderwertigkeit; der Wert hat nichts gegen mich. Es ist eine kulturelle Sensation, daß die Wut, die seit Jahren täglich an Stammtischen und in Ämtern, auf Jour und Korso explodiert, ihren ebenbürtigen literarischen Ausdruck noch nicht gefunden hat. So leidet diese Gesellschaft mehr durch mich als ich durch sie, von jedem Gott verlassen, auch von dem, der es zu sagen gibt. Sie helfen sich, indem sie mich für ihresgleichen halten; für einen, der ich wäre, wenn ich wie ich denken und wie sie empfinden könnte. Sie bewahren sich, indem sie einander versichern, ich sei aus jenen Eigenschaften zusammengesetzt, die sie sich im Alphabet der Gefühle eben noch zusammensetzen können: aus Rachsucht und Undankbarkeit. Da sie aber auch noch die Feigheit verstehen, so sagen sie es nicht laut. Immer nur einer dem andern, nie einer für alle. Das spuckt mir nun seit zwölf Jahren zwischen die Gedanken. Wenn ich fliegen möchte, halten sie sich an meine Achillesferse und unterstellen mir ihre Stofflichkeit. Was nützt es, daß sich meinen Weg entlang nachweisen ließe, wie ich immer nur Rache für persönliche Gefälligkeit nahm und undankbar war gegen öffentliche Gemeinheit! Die Welt der Beziehungen, in der ein Gruß stärker ist als ein Glaube und in der man sich des Feindes versichert, wenn man seine Hand erwischt, hält die Abkehr von ihrem System für Berechnung, und wenn sie den Herkules nicht geradezu verachtet, weil er sich und dreitausend Rindern das Leben schwer macht, so forscht sie nach seinen Motiven und fragt: Bitt Sie, was haben Sie gegen den Augias? Heute zwinge ich einen Schwätzer zu schriftlicher Abbitte, morgen wärmt seine leibliche Kaffeeschwester die Behauptung auf, man wisse schon, warum ich die Neue Freie Presse angreife. Hätten die Leute doch ein Gefühl dafür, daß hier längst nicht mehr die Lüge trifft, sondern nur die Dummheit! Daß selbst die Wahrheit nicht so beschämend für mich wäre wie für sie das Argument! Es ist tragisch, durch Kopfschmerzen an der Verteidigung seiner Ehre gehindert zu sein. Ich habe immer den Gegenbeweis, aber es wäre ein Beweis gegen mich, wenn ich den Ehrgeiz hätte, das Niveau zu halten, welches mir der Feind bestreitet. Es wäre blamabel, auf eine Darstellung zu verweisen, durch die ich schon vor zwölf Jahren Rechenschaft abgelegt habe. Und es wäre nutzlos; denn der Wasserkopf, den ich damals der Verleumdung abschlug, ist ihr nachgewachsen und wüchse ihr immer wieder. Wenn der Rationalismus Mythen bildet, ist ihm mit der Geschichtsschreibung nicht beizukommen. Es ist sicher, daß die Verleumder mit einem Antrag, wie ihn mir im Jahre 1898 die Neue Freie Presse gestellt hat, keine Fackel gegründet hätten. Darum muß es für sie feststehen, daß die Fackel gegründet wurde, weil ihr kein Antrag der Neuen Freien Presse vorausging. Aber selbst wenn die Tatsache wahr wäre und der Konnex beweisbar, was bewiese er gegen die Lauterkeit der Konsequenz? Könnte nicht ein persönlicher Anstoß die Vertretung einer allgemeinen Notwendigkeit übernommen haben? Und wenn es selbst wahr wäre, daß ich vor fünfzehn Jahren irgendeinen Kalbeck »um Protektion gebeten« habe, den ich zehn Jahre später für eine Versündigung an Hugo Wolf zur Rechenschaft zog: wie sollte diese elende Wahrheit mein Bild entstellen? Rache wäre hier Ehrenpflicht. Undank ist Befreiung, wenn ich dem Übel verbunden war. Und nur der Eifer, das Gegenteil zu beweisen, eine Schande. Oder soll ich meine tiefe Nichtachtung des Herrn Maximilian Harden, die wahrlich nicht mehr von dieser Welt ist, gegen den Vorwurf schützen, sie sei entstanden, weil mir eine Notiz, um die ich ihn angebettelt hätte, versagt wurde? Könnte Schäbigkeit so produktiv wirken, man müßte sie die Kinder lehren. Sechs verweigerte Grüße, die ich mir zu Herzen genommen, und sechs Einladungen zum Nachtmahl, die ich vergessen habe, reichen aus, um den verjauchten Hirnen meiner Zeitgenossenschaft zwölf Jahre am Schreibtisch zu erklären. Weil ich aber in dieser Dauer gewacht habe, wenn sie schliefen, gedacht habe, wenn sie rülpsten, gearbeitet habe, wenn sie sich vergnügten, so will ich mir auch eine Erholung gönnen! Meine Nerven lechzen nach den tatsächlichen Feststellungen, die meinen Kopf nicht interessieren. Es ist eine Emotion, die wohltut, auch einmal in der Zeit den Ehrenpunkt zu beziehen. Ich treibe keinen Sport, ich besuche kein Theater — ich will ein Gesellschaftsspiel mit der Verleumdung spielen und wenn der Plumpsack umgeht, so tun, als wäre ich getroffen. Ich werde beleidigt sein, wenn man mich beleidigt. Ich werde das Grauen, mich mit einem Subjekt, das sich Reklame machen will, im Gerichtssaal koordinieren zu lassen, überwinden. Nur muß ich verlangen, daß sich das Subjekt auch endlich melde. Mit anonymen Briefen ist mir nicht gedient. Sie sind so wenig zu fassen, wie signierte Zeitungsartikel, deren Urheber wohl wissen, daß ich nur gegen den klaren Vorwurf des Meuchelmords die Justiz geschworener Lohnfuhrwerksbesitzer anrufen möchte und selbst dann nicht sicher wäre, ob sie den Beleidiger, der entweder Familienvater ist oder dem ich das Geschäft gestört habe, verurteilen würden. Berichtigungen sind untunlich. Denn die Lüge lebt parasitär von der Wahrheit, bläht sich im Stolz, von ihr beachtet zu sein, und ich habe den Wert meiner Existenz einschätzen gelernt, als ich einmal ein Plakat sah, das eine Zeitung ausgab, welcher ein unbekannter Namensvetter eine Zuschrift geschickt hatte, und das den weithin sichtbaren Text trug: »Kraus berichtigt!« Es gibt keinen Schutz gegen Lüge, die mit Druckerschwärze umgeht; man behielte nur Recht, wenn man direkt ins Faß greifen und das Gesicht des Lügners beschmieren wollte. Der Beleidigung durch die Presse lasse ich, der die Presse wahrlich besser beleidigt, freien Lauf und jeder junge Schmock darf sich auch künftig an mir die Sporen verdienen. Was ich suche, ist die Beleidigung, die vor ein Bezirksgericht gebracht werden kann. Schließlich mag es ja meinen Feinden, denen es nur um die Wahrheit zu tun ist, gleichgültig sein, ob man sie vor einem Juristen oder zwölf Kleingewerbetreibenden beweist. Aber wo ist der Mann, dem ich die Klage zustellen lassen könnte? Die Beleidigung surrt mir um die Ohren, nach jedem Heft und nach jeder Vorlesung melden sich Leute, die gehört haben, wie einer gesagt hat, er habe erfahren, daß einer gemeint hat, es lägen gegen mich die schwersten Bedenken vor oder es sei nicht alles Gold was glänzt oder Hochmut komme vor dem Fall oder der Simplicissimus habe mich gekauft, während mich die Neue Freie Presse nicht gekauft hat, und Herr Kalbeck habe einen Brief in Händen und es sei erweislich wahr, daß Herr Harden mich zurückstieß, und aller Laster Anfang sei schwer. Was es aussagt, habe ich; aber das Subjekt fehlt mir in der Syntax der Verleumdung. Ich habe den Vorschlag gemacht, daß ein Löwenmaul errichtet werde, worin die Feigheit alle Beschwerden über mich hinterlegen könne. Man ließ es bei dem Maul bewenden; bei jener anonymen Post, die nicht einmal immer den Adressaten erreicht. So rächt sich der Haß bloß an meinen Nerven, und täte sich doch erst genug, wenn er einmal zu einer Feststellung helfen wollte. Wäre der Halbschlaf nicht der Zustand, den ich mir für das Hindernisrennen des Tages vorbehalte, wahrlich ich könnte es nicht bestehen. Aber die Flüsterstimmen werden zudringlicher. Sie wollen mich in der Arbeit stören und schaffen sich Gehör bei Leuten, die ohne bösen Willen sich mit der Erwägung begnügen, wenn so viel gesagt werde, müsse »etwas dran« sein. Daß einer sich so lange überheben konnte, ohne durch stärkere Waffen, als Gerüchte sind, gebändigt zu werden, ist ihnen kein Einwand. Aber den Haß sollte die Aufgabe reizen, und wenn je eine, so diese ihm Mut machen, den Klatsch zu lassen und mit der Sprache herauszurücken. Auf die Satiriker ist kein Verlaß. Erstens können sie nicht schreiben, zweitens können sie nur dann schreiben, wenn sie mich abschreiben, und drittens können sie, wenn man gerade auf einen Angriff gefaßt ist, auch Liebesbriefe schreiben. Ich brauche ernste, gediegene Charaktere, die »etwas auf mir wissen«. Ich gebe zu bedenken, welches Verdienst es wäre, endlich zu enthüllen, daß ich eigentlich gar nicht der bin, sondern ein anderer, und daß ich die silbernen Löffel, mit denen ich die Weisheit gegessen, vorher gestohlen habe. Sollten wirklich Mächte wie die Neue Freie Presse, Herr Kalbeck oder Herr Harden dem Genuß, mich totzuschweigen, die Pflicht nachsetzen, mich zu entlarven? Könnten sie nicht der Vornehmheit wenigstens so viel vergeben, daß sie einem von den tausend Schmierfinken, die ihrem Wink gehorchen, das ihnen erschlossene Material liefern? Ich fordere Herrn Harden mit der Waffe seines Stabreims heraus: er räche zehntausend, denen das Würgen der Wut die Wange gewelkt hat! Stumme Blicke der Verzweiflung genügen mir nicht mehr. Ich bin das Schicksal, das sich der leidenden Kreatur erbarmt und sie zum Aufstand stachelt. Man versäume die Okkasion nicht. Man rede. Sollte sich aber — und den Fall müssen wir bedenken — zufällig ergeben, daß aus der leidenden Kreatur kein Ton herauszubringen ist, dann würde ich mich nicht scheuen, ihre Leiden zu vermehren! Ich würde alle Furien der Verdammnis zu Hilfe rufen, um zu rächen, was sie an mir verbrochen hat, um mein Dasein von ihrem Dabeisein zu sondern und um mir die Luftlinie zu den Idealen freizulegen. Ich würde der Banalität, die im Vollbesitz der bürgerlichen Rechte heute wagen darf, sich am Recht des Geistes zu vergreifen, einen solchen Schreck einjagen, daß sie sich in die Leibeigenschaft, ins Mittelalter, ins Ghetto zurückgeworfen wähnte und auf den Knien dankte für die Gnade, die die freie Meinungsäußerung gewährleistet und die man sich nicht verscherzen darf. Man muß die intelligente Mittelmäßigkeit, die vor Bildern grinst und Bücher über die Achsel liest, die sich durch Unglauben ihre Überlegenheit vor Gott und durch Frechheit ihre Sicherheit vor dem Künstler beweist, mit einem Ruck zu jenem Punkt hinreißen, wo die politischen Errungenschaften und die technischen Fortschritte wieder problematisch werden. Die Vorstellung, daß das allgemeine Wahlrecht in besonders berücksichtigenswerten Fällen entzogen und das Telephon strafweise abgenommen werden könnte, würde wie ein redaktionelles Erdbeben wirken. Der Geist, der den Wundern des Fortschritts Vorschub geleistet hat, könnte sie für Augenblicke so wieder verdunkeln, daß den glücklichen Besitzern angst und bange wird. Seine Hand langt selbst in die Gedankenfreiheit des Bürgers, greift unter das Bewußtsein der Bürgerin, und kann eine Generation heraufbringen, die die Kultur in Ruhe läßt und innerhalb ihres Horizonts ein bescheidenes, aber auskömmliches Dasein fristet.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 317/318, XII. Jahr

Wien, 28. Februar 1911.


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