September 1911



Bitte um Diebstahl


Der Vorteil, den mein Text durch die Zitierung herbeiführen könnte, wird reichlich durch den Nachteil aufgewogen, den er durch die Verstümmelung erleidet. Aber nicht allein die Unmöglichkeit, sich gegen die Gefahren eines unbewachten Nachdrucks zu schützen, nicht die infame Sorglosigkeit, mit der die Redaktionen das Schicksal eines Zitats, auf das sie doch scheinbar Wert legen, den Druckereien überlassen, macht jetzt ein Verbot zur Notwehr. Vielmehr ist es der geistige Anteil der Redaktionen, was mich die empfangene Ehre als Beleidigung empfinden läßt. An einem Auszug, den die Rheinisch-Westfälische Zeitung aus »Heine und die Folgen« macht, offenbart sich wie an einem stilistischen Schulbeispiel — an einem Beispiel, das in einer Stilschule zu entwickeln wäre — die linke Midashand des Journalismus, die jeden Gedanken, den sie berührt, in eine Meinung verwandelt. Dabei kommt die Meinung naturgemäß viel dürftiger heraus, als wenn der Leitartikler über dasselbe Thema schriebe, so daß der eigentliche journalistische Zweck verfehlt wird. Gedanken, die ein Journalist selbst buchstäblich und in tadellosem Druck übernimmt, sind entwertet. Man weiß, daß einem Gold in der Tasche fehlt, und soll das Blech, das der andere in der Hand hält, als sein Eigentum reklamieren. Auch wenn in dem genannten Fall die zitierten Stellen nicht willkürlich zusammengeschoben wären oder der Redakteur sich die Mühe genommen hätte, den gedanklichen Übergang durch Punkte anzudeuten — was er schamlos unterlassen hat —, wäre das Gesicht des Zitats nicht wiederzuerkennen. Ein Journalist oder ein Redner beschwert sich darüber, daß man ihm Stellen »aus dem Zusammenhang reißt«. Seine Meinung leidet, und da es um diese so sehr schade ist und der Mann möglicherweise sein Recht verliert, so hat er ein Recht sich zu beschweren. Er selbst hat aber keine Ahnung davon, was er am Stil verbrechen kann, wenn er die Meinung korrekt von ihm abzieht. Der Kunst kommt es nicht auf die Meinung an, sie schenkt sie dem Journalismus zu eigener Verwertung, und sie ist gerade dann in Gefahr, wenn er ihr recht gibt. Denn er reißt nicht »aus dem Zusammenhang«, sondern aus der Sphäre. Ein Aphorismus, den er zitiert, kann wertlos im Nachdruck sein: sein Wert ist im Buch, dem er entnommen wurde. Meine Glossen sind unverständlich ohne die Glossen, die früher erschienen sind. Die zwanzig Sätze vollends, die mir ein Redakteur aus »Heine und die Folgen« ausschneidet, leben nur in der Luft aller andern: so ausgesetzt haben sie keinen Atem. Was der Mann selber schreiben kann, ist unter allen Umständen besser. Aus purer Faulheit ist er bescheiden. Solche Feinschmecker glauben Proben eines Organismus liefern zu können. Um zu zeigen, daß ein Weib schöne Augen hat, würden sie sie ihm ausschneiden. Um zu zeigen, daß mein Haus wohnlich ist, setzen sie meinen Plafond auf ihr Trottoir. Das geht nicht. Die Journalisten werden gebeten, die Quelle, die sie vergiften, nicht anzugeben.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 331/332, XIII. Jahr

Wien, 30. September 1911.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2007 
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