Peter Altenberg


(Vor- und Nachwort zum Abdruck von Skizzen)

Ein neues Buch von Peter Altenberg gehört zu jenen seltenen Mitteilungen der Menschenseele, die man ja doch nur hinter dem Rücken der Zeit weitergibt. Sie sieht und hört es nicht und nur darum nimmt sie es nicht übel. Diese von Gott autorisierte Übersetzung des Menschen in die Sprache wird — eine Empfänglichkeit späterer Welten vorausgesetzt — noch zu Menschen sprechen, wenn fast alles, was heute gedruckt wird, nicht mehr mit freiem Auge wahrnehmbar sein wird. Ehren, die die Zeit verleiht, wären imstande, diesen Dichter in die Nähe jenes Kunstwerkertums zu bringen, das seine Popularität exklusiv betätigt und in der Geschlossenheit seiner Leere die Naturfülle verachtet. Es ist seit Jean Paul wieder der erste Fall, daß an einer Anderthalbnatur eben das als Minus erscheint, was den Halben zum Erfassen fehlt, und sie ist so reich, daß man wohl aus dem, was sie nicht hat, ein Dutzend Wiener Dichter machen könnte, aber aus dem, was sie ist, keinen einzigen. In Zeiten, wo nur der Genius vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen ist, hat er es ja schwer, sich bemerklich zu machen; zumal, wenn er die Tracht eines Nichtstuers wählt, dessen Horizont scheinbar nicht über eine Hotelterrasse hinausreicht. Aber er, der Genius, ist gottseidank der Intelligenz nicht Rechenschaft schuldig, auf welchem Weg er den Zusammenhang so entfernter Dinge erfahren hat wie eines Dienstmädchens und der Ewigkeit. Dafür läßt er sich gern literarhistorisch bedauern. Denn es ist schade um ihn, daß er nicht darüber hinausgekommen ist, in einer Skizze alles zu sagen, was ein Mensch und die Sprache einander zu sagen haben. Es ist schade, daß einer von einer Landpartie so viel mitbringt und andere vom weiten Land, ja sogar vom weiten Griechenland so leer zurückkamen.

 

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Daß dieser Dichter Zeitgenosse ist, mag allen Spott rechtfertigen. Aber der reicht nicht an den Humor hinan, mit dem das Erlebnis solcher Unvereinbarkeit den Dichter selbst begnadet hat. Dieses beste Gelächter aufzubewahren, das Wesentlichste einer Menschlichkeit, deren Falstaffgewand ein gewendetes Martyrium war, über Geschriebenes fortzuführen und von der anekdotischen Plattheit zu säubern, die jetzt durch Jours und Kabaretts die einträgliche Runde macht, wird einst keine leichte Pflicht sein. Etwa erleichtert durch die Erinnerung: wie man das lebendigste Herz einer Zeit dem Publikum zugänglich gemacht hat, in welchem Winkel der Unterhaltung und in welchem Abtritt der Publizität, und wie man so gar nicht die Verpflichtung fühlte, die Würdelosigkeit des Genies für ehrwürdig zu halten und ihr eben jene Obhut zu gewähren, die sie selbst verschmäht hat. Und vergesse, an wem es sein wird, zu erinnern, auch jenes Neue Wiener Journal nicht, das als erstes in der Lage war, die schwere Erkrankung des Dichters zu melden, und hierauf als einziges, den Faschingsulk eines Münchner Kretins nachzudrucken:

 

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Die Denkbarkeit und Druckfähigkeit solcher Auffassungen ist einem Peter Altenberg nie zum Problem geworden. Die Leidensgeschichte eines Dichters ist die Leidensgeschichte der Menschheit. Aber ich weiß, daß die jetzt in täglichen Fortsetzungen erscheint.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 372/373, XV. Jahr

Wien, 1. April 1913.


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