September 1913



Ähnlichkeit


Ein analytischer Schmock, einer von jenen, die jetzt aus allen Spalten grinsen, berichtet in der ›Frankfurter Zeitung‹ über eine Plauderei, die der bekannte Erotiker Franz Blei in Berlin abgehalten und bei der er Fragen aus dem Auditorium kulant beantwortet hat.

Wie er in schlichten, nichteifernden Worten sein Bekenntnis gab, konnte man in den ausdrucksvollen Zügen das feine Theologengesicht entdecken, das Max Oppenheimer malte. Verblüffend ist in solchen Momenten auch eine gewisse Ähnlichkeit Bleis zu dem in mancher Hinsicht geistesverwandten Karl Kraus; nur daß der Wiener Kaffeehaustheologe ein so strenger Stilkünstler ist, daß er nur vorlesen kann und sich zu solchen Stegreifexperimenten nicht hergibt.

Was die Kaffeehaustheologie anlangt, so könnte man mit Recht jeden Pfarrer einen Kaffeehaustheologen nennen, der keine Köchin hat und deshalb im Kaffeehaus den Kaffee nehmen muß. Was die Geistesverwandtschaft mit Herrn Blei anlangt, so ist sie insofern ersichtlich, als Herr Blei meine Aphorismen mit Interesse gelesen hat. Da ich mich aber für Bilderhandel nicht interessiere, so dürfte die Ähnlichkeit doch wieder nur sehr oberflächlich sein und höchstens eine »zu« mir, aber nicht mit mir. Alles in allem, vermute ich, wird das Gesicht des Herrn Blei meinem Gesicht so verblüffend ähnlich sein, wie ein Porträt des Herrn Oppenheimer einem Porträt von Kokoschka.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 381/382/383, XV. Jahr

Wien, 19. September 1913.


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