September 1911



Nachruf


Den Freunden der Fackel wird gemeldet, daß ihr bester Freund, mein lieber

 

Ludwig Ritter von Janikowski

Doktor juris und Inspektor im Eisenbahnministerium

 

geboren am 24. Juli 1868 in Krakau, am 18. Juli 1911 in einem Sanatorium bei Warschau gestorben und am 23. September in Krakau feierlich beerdigt worden ist.

Unsern geistigen Bund, der von 1904 bis zu seiner tödlichen Erkrankung im Jahre 1909 dauerte, überlebt meine Dankbarkeit. Dieser tief geistige und tief gütige Mensch, den keine Lebensplage um den inneren Reichtum betrügen konnte, war nicht Schriftsteller, stand aber künstlerischen Dingen in einem so wahren und erhabenen Sinne nah, daß nur ein schöpferischer Zufall an ihm den Künstler versäumt zu haben schien. Mit seinem Feuer und seiner Liebe umfing er mein Werk, in welchem er als erster die geistige Perspektive jener Geringfügigkeiten erkannte, die die Blindheit für den Inhalt nimmt. Seine Erkenntnis war mir Bestätigung, seine Bestätigung mitschaffende Tat. Er hat, der im deutschen Sprachgeist hundert deutschen Schreibern überlegene Nichtdeutsche, an und mit mir den Geist erlebt und die Sprache, und meine Leistung wuchs an seiner Begeisterung. Er hat um die Kunst gewußt und um die Opfer, die ihre Eitelkeit kostet. Ich habe ihm »Sittlichkeit und Kriminalität« gewidmet, das Buch, an dessen Feilung er beteiligt war wie an der Herausgabe der »Sprüche und Widersprüche«, für deren Mitkorrektur ich ihm hier gedankt habe.

Solange Leben gewährt ist, einen Verlust zu beklagen, so lange wird es ein Jammer sein, daß dieser aus Geist und Güte geschaffene Mensch nicht mehr lebt. Aber sein Verlust ist nicht schmerzlicher als die Erhaltung der Vielen, die niedrig sind und doch einem unerforschlichen Ratschluß zufolge am Leben. Und der bessere Trost: Seine Seele, befreit von der Gemeinschaft des eigenen leidvollen Körpers und erlöst von der Gemeinschaft der überlebenden Leiber, zu nichts nütze als zum Leben — seine große Seele ist zu sich gekommen.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 331/332, XIII. Jahr

Wien, 30. September 1911.


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