Melancholie


Bei vielen genialen Menschen geht, ähnlich wie bei Alfieri, der eigentlichen schöpferischen Tätigkeit eine kürzere oder längere Periode tiefsten melancholischen In-Sich-Versunkenseins voraus; ganz ähnlich, wie auch bei den verschiedensten Formen von Geisteskrankheiten, besonders bei Tobsucht, ein melancholisches Initialstadium zu erkennen ist. Dies hat wohl Niemand in bitterer Weise zu erfahren gehabt, als Luther. In der Zeit zwischen 1507 und 1508 war Luther im Kloster zu Erfurt in tiefster Apathie versunken. Angstzustände wechselten mit heftigen Selbstanklagen und religiösen Peinigungen ab. Dies steigerte sich bis zur Nahrungsverweigerung; so daß eines Tages seine Zelle gewaltsam erbrochen werden mußte, und die Klosterbrüder ihn in einer Verfassung fanden, der wie der wörtliche Bericht lautet »dem Wahnsinn näher als jedem andern Zustand« war. Jeder Zuspruch war gänzlich verloren. Bis endlich nach etwa halbjähriger Dauer dieses schreckliche Leiden wich, und Luther, wie er glaubte, durch göttliche Erleuchtung plötzlich in seinen religiösen Zweifeln sehend wurde. Und nun tritt er, neugekräftigt, in die Öffentlichkeit, und macht eben den Inhalt seines durchlebten Krankheitsprozesses und die Lösung, die er gefunden, zum Inhalt einer neuen Glaubenslehre. Dies muß festgehalten werden, wenn wir Luthers Auftreten begreifen wollen. Luther's Lehre, daß wir nicht durch gute Werke oder Buße, sondern nur durch die Gnade Gottes Erlösung erlangen können — der Grund- und Eckstein der gesammten Reformation — war der direkte Ausdruck seiner geistigen Krankheit und der zuletzt gefundenen Heilung. Er, der sich kasteit, der gefastet, gebetet, gewacht hatte, um Ruhe in seiner Seele zu finden, aber umsonst, weil eben die Melancholie noch nicht abgelaufen war, findet nun plötzlich diese Seelenruhe wie eine Gnade vom Himmel sich geschenkt; und nun tritt er hinaus und schreit dieses Ergebnis mit Stentorstimme durch die ganze Welt. Der Satz von dem höheren Wert der Gnade Gottes war damals gar nicht so wichtig, oder etwa im Mittelpunkte des Interesses gestanden. Kein Papst und Theologe, selbst der bekannte Tetzel mit seinen Abläßen nicht, hätte bestritten, daß die Gnade Gottes mehr sei, als unsere Anstrengungen um die Seligkeit. Was diese Leute alle in die Opposition hineintrieb, war die Vehemenz, mit der Luther diese angeblich neue Wahrheit verkündete, und die fürchterlichen Invectiven gegen Rom, mit denen er seine Lehrsätze in die Welt schickte! Kein Mensch hat je so heftig gegen sich selbst gewütet, als Luther in seiner Krankheit. Aber auch kein Mensch hat jemals so gegen die Außenwelt gewütet, nachdem er selbst in seinem Inneren fest und sicher geworden. Ohne den Jähzorn Luthers wäre die deutsche Sprache nimmer das geworden, was sie ist. Aus Luther's Schriften kann man ein förmliches Schimpf-Lexikon zusammensetzen. Gegen diesen Cherusker in der Sprache, der noch dazu die Gewißheit hatte, daß Alles, was er gegen Rom schleudere, ihm von Gott befohlen sei, kamen die feinen italienischen Kardinäle nicht auf. Das war kein Kampf mehr auf gleich. Das war ein Verhältniß wie zwischen einem Dreschflegel und Zahnstochern. — Aber, wie gesagt: Ohne die Melancholie in der Erfurter Kloster-Zelle keine Reformation! Und nun erwägen Sie, was Alles von jener geistigen Störung in der Brust eines einfachen Bergmanns-Sohnes abhing! —



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2007 
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