Hallizunation


Aber es sind zwei Typen von Geisteskranken, zwei Arten von Psychosen, die mit jenen Zuständen, die wir ganz harmlos in den Biografien genialer Menschen beschrieben finden, die unvekennbarste Ähnlichkeit haben, nämlich 1) die frischen Halluzinanten, also die zum erstenmal, oder neuerdings an Sinnestäuschungen Erkrankenden; und 2) jener eigentümliche Zustand von Persönlichkeitswechsel mit Bewußtseinsstörung und Auftreten von visionären Delirien, wie er bei Epilepsie vorkommt, und den man deshalb psychische, geistige Epilepsie genannt hat (im Gegensatze zur körperlichen Epilepsie, den Anfällen). Die Analogie dieser beiden Psychosen mit gelegentlichen, aber ausschlaggebenden Zuständen bei genialen Menschen soll im Folgenden versucht werden.

Man hat etwas trivial, aber sehr illustrativ, den menschlichen Geist mit einer Flasche Sodawasser verglichen. Die Klarheit der Flüssigkeit entspricht dem normalen Zustand. Bei normaler Geistesverfassung fühlen wir unsere Gedanken nicht als solche. Unser Geist ist klar. Sobald der Stöpsel Luft bekommt, beginnt das Perlen und Sich-Trüben der Flüssigkeit. Der Stöpsel repräsentiert den kontrollierenden Druck unseres bewußten Aufmerkens, unseres Verstandes. Die aufsteigenden Perlen sind das Freiwerden der Imagination, die Bilder der Phantasie. In diesem Zustand befinden wir uns Alle im Schlaf. Unsere Aufmerksamkeit erlischt, und die Phantasie, die stets parat ist, wie die Kohlensäure, sobald der Druck von ihr genommen, emporzusteigen, beginnt ihre Tätigkeit als Traum. Wir erkennen die Träume nicht als unser geistiges Eigentum. Im Traum selbst sind wir kritiklos, naiv-zuschauend. Sobald wir erwachen, erblicken wir den Wirrwarr; wundern uns über unsern eigenen Zustand. Und mit dem Einstellen des bewußten Aufmerkens, mit dem Fester-Aufdrücken des Stöpsels, hört der ganze Spuck auf; die Perlen bleiben aus, die Flüssigkeit wird wieder klar. Bei einzelnen Menschen schlüpft zwar die eine oder andere Perle auch Tags über durch; das sind dann jene uns unbegreiflich erscheinenden Bilder, Worte, Zahlen u. dergl., die wir plötzlich in unserem Ich vorfinden. Und manchmal erinnern wir uns dann von so einer einzigen Perle aus der ganzen Episode, die uns Nachts geträumt hat. Das Ingenium ist dann eine schlecht schließende Flasche, bei der auch Tags über Perlen in größerer oder geringerer Menge durchschießen. Diese Perlen, diese Bilder, diese Motive, abgerissen, unmotiviert, plötzlich da, unbekannt woher, erregen, ebenso wie bei uns die Träume im Moment des Erwachens, seine gespannteste Aufmerksamkeit, sogar Angst, Unruhe, weil es diese geistigen Potenzen nicht als sein Eigentum anerkennt; und nun beginnt eine erregte, fieberhafte Tätigkeit; der Verstand ist gezwungen, sich mit den fremden Faktoren abzufinden, sie zu verarbeiten; und das Resultat ist, wenn es gut geht ein geniales Werk, ein unerhörter Fund, eine barocke Idee, aber immer ein Unicum. Der beginnende Geisteskranke, der beginnende Hallucinant ist dann ebenfalls eine Flasche mit gelockertem Stöpsel, bei der die Perlen immer stürmischer Auftreten. Damit stimmt, daß beginnende Geisteskranke von einer Flut von Träumen bei Nacht heimgesucht werden; da ja Freiwerden der Imagination, ob bei Tag oder Nacht, immer derselbe Prozeß ist, und der Druck des bewußten Aufmerkens allein darüber entscheidet. Auch der beginnende Hallucinant stutzt genau anfangs wie das Genie über den fremden Eindringling, ist im Zweifel, gerät in Unruhe, und dies dauert wochen- und monatelang; aber meist häufen sich dann die Sinnesbilder so stürmisch, daß der Verstand Controlle und Kritik verliert, und das wilde Meer der Imagination den ganzen Menschen wie ein steuerloses Schiff hin- und herwirft. Beim genialen Menschen ist es im Ganzen selten, daß die plötzlichen Bilder seiner Phantasie wirklich bis zur Stärke von Sinnestäuschungen anwachsen, daß dieselben als Gestalten, Worte, Gerüche in die Außenwelt projiziert, und von dort zur Rechenschaft gezogen werden, wie es bei Luther (in seinen laut geführten Gesprächen mit dem Täufel), bei Schuhmann, Tasso, Byron, Cromwell, Sokrates, und vielen anderen der Fall war. Häufiger besteht jener Zustand, wo die aufsteigenden Bilder der Phantasie zwar als fremd, aber doch im eigenen Kopfe vorgehend, erkannt werden; wie Walter Scott es von sich ausdrückte, daß er ein »Opfer seiner Imagination »sei. Umgekehrt beim Halluzinanten ist, wie das Wort sagt, das Anwachsen des unbewußt geborenen Phantasiebildes bis zur Halluzination, bis zur Sinnestäuschung die Regel. Aber Beides kommt bei Beiden vor. Übergänge von der normalen Gesundheit zu diesem Stadium des Geisteslebens kennen alle diejenigen, die strake Raucher sind, oder starken unvermischten Kaffee trinken. Was sind die so gerne aufgesuchten Zustände von behaglicher Sorglosigkeit und abendländischem Nirwana, wie sie besonders der Raucher und Kaffee-Konsument kennt, anderes, als kleine Täuschungen unseres Ich's durch die Imagination auf Kosten unseres Verstandes. Lenau richtete sich durch den Genuß von schwarzem Kafe fast zu Grund. Noch intensiver wirken Opium, Chloroform, Äther; auch Alkohol und Absinth können alle Zustände von angenehmer Erregung unserer Phantasie bis zum stürmischen Ausbruch von Hallucinationen erzeugen; am stärksten jedoch Haschisch. Man kann mit Haschisch innerhalb einer halben Stunde einen gesunden Menschen bis zu den turbulentesten Illusionen und Sinnestäuschungen bringen, ihn experimentell geisteskrank machen. Er antwortet auf jede Frage, korrect und besonnen; sein Verstand ist nicht getrübt; inzwischen unterliegt er in jedem Bruchteil der Secunde den schrankenlos auf ihn einbrechenden Phantasmen seiner Einbildungskraft. Und was hier experimentell erzeugt ist, das tritt beim Ingenium, wenn auch graduell verschieden, spontan auf. Und die Gleichartigkeit aller dieser seelischen Prozesse ist es, was uns die Berechtigung gibt, von der Identität bestimmter Zustände beim Genie mit hallucinatorischem Irrsinn, also mit Geisteskrankheit, zu sprechen.

Ein solches fortwährend von seiner Imagination in Beschlag gelegtes Genie war Mozart. Was er auch tat, und wo er auch war, beim Fahren, beim Kegeln, beim Essen, beim Billard-Spielen, während der Unterhaltung, war er, nach eigener Aussage, stets innerlich musikalisch beschäftigt, und summend und brummend folgte er diesen inneren Anregungen; ja er suchte äußerliche, mechanische Beschäftigungen, wie Kegeln, Reiten gerne auf, weil dann dieses innere Produzieren glatter von Statten ging. Sogar beim Essen mußte ihn seine Frau zuletzt das Fleisch zerschneiden, weil er sich durch mangelnde Aufmerksamkeit wiederholt mit dem Messer verletzt hatte. Hier haben wir also schon vollständig im Keim entwickelt das Auftreten der Doppelpersönlichkeit. Noch stärker war dies Alles bei Beethoven ausgeprägt, bei dem sich das innere Leben bis zu förmlichen Anfällen von Geistesabwesenheit verdichtete. Zu solchen Zeiten begann der große Komponist ausgedehnte Waschungen — auch hier wieder ein äußeres mechanisches Hantieren als Äquivalent für den inneren Prozeß. Halb entkleidet holte Beethoven — wie Goethe's Zauberlehrling — Wasserkrug auf Wasserkrug, entleerte einen nach dem andern in das Becken, und während er halb durchnäßt mechanische Waschbewegungen machte oder im Zimmer auf- und abging, folgte er mit brummender oder heulender Stimme, rollenden Augen und geistesabwesender Miene seinen inneren Anregungen, die er auch gelegentlich durch einige Notizen am Schreibtisch fixierte. Dieses Waschen und Heulen und Sichausziehen ging stundenlang fort, bis Beethoven zuletzt, ohne es zu merken, bis am Knöchel im Wasser stand. Niemand wagte es, ihn in solchen Scenen zu stören, weil seine Umgebung wußte, daß es Stunden der tiefsten Meditation waren, und er durch die Unterbrechung auf's Höchste gereizt wurde. So ließ man ihn gewähren. Was aber nicht verhindert werden konnte war, daß Beethoven alle Augenblick die Wohnung gekündigt wurde, weil es der unten wohnenden Partei natürlich nicht angenehm sein konnte, daß ihr das Wasser durch die Decke troff. Wer diese Beschreibung liest, (Schindler, Biographie von L.v. Beethoven. Münster 1840) und jemals Gelegenheit hatte, einen frischen Halluzinanten zu sehen, kann nicht im Zweifel sein, daß es sich hier um verwandte Zustände handelt. — Bei vielen genialen Menschen verstärken sich dann, wie schon erwähnt, diese inneren Anregungen zu wirklichen sinnlichen Bildern, die nach außen verlegt werden, also zur wirklichen Sinnestäuschung. Schuhmann hörte viele Jahre seines Lebens hindurch, und noch in der guten Zeit, einen einzigen hohen Ton, der ihn sehr genierte, von dem er wußte, daß er subjektiver Natur war, den er aber trotzdem als von außen kommend betrachten mußte. Ein solch' einziges Factum, einem Eindringling sich gegenüber zu sehen, den man nicht als das Resultat seiner eigenen geistigen Produktion ansehen kann und darf, kann schon das Gemüt eines Menschen auf's Schrecklichste verdüstern, und jedes künstlerische Schaffen lahm legen. Später kamen dann bei Schuhmann andere Gehörs-, Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen hinzu, denen gegenüber er unterlag; er glaubte sich vergiftet; machte einen Selbstmordversuch durch einen Sprung in den Rhein, wurde gerettet, und verbrachte dann den Rest seines Lebens im Irrenhaus. — Bei Anderen mögen Halluzinationen in gewissem Umfang ohne Schädigung der geistigen Dispositions-Fähigkeit persistieren. Der Unterhaltungen Luthers mit dem Teufel (der ihn unter Anderem fragte, »was er mit den Klöstern angefangen«), wurde schon gedacht. Sokrates hatte nicht nur Gehörs-Halluzinationen, sondern er personifizierte sie bis zur Annahme einer überirdischen Person, die er daimon, Gottheit nannte, und von der er die Grundsätze seiner philosophischen Lehre erhalten haben wollte. Zur Annahme eines solchen »Schutzgeistes« oder »Genius« kamen auch Keppler, der seine Entdeckungen von einem solchen »zugeflüstert« haben wollte; Cromwell, und sogar Napoleon I., der behauptete, eine glänzende Frauengestalt wiederholt vor seinen Schlachten gesehen zu haben, und die für ihn stets glückbringend war. »Derartige Halluzinationen, — sagt Moreau — weit entfernt, die geringste Störung auf die Geisteskräfte des betreffenden auszuüben, waren vielmehr geeignet, denselben auf's Äußerste zur Erreichung eines einmal vorgesetzten Planes anzuspornen.« Jeanne d'Arc vollführte das, was sie tat, nur durch den mächtigen Impuls, den ihr die von ihr vernommenen »göttlichen Stimmen und Befehle« verliehen. Und daß die exaltierten Zustände und Visionen aller Heiligen vom heiligen Antonius in Ägypten bis zur spanischen Maria d'Agreda auf Sinnestäuschungen zurückzuführen sind, kann vom wissenschaftlichen Standpunkt aus keinem Zweifel unterliegen. — Ein weiteres Symptom von nicht zu unterschätzender Bedeutung, welches genialen Menschen wie Halluzinanten gemeinsam ist, sind die laut geführten Selbstgespräche. Ganz gesunde Menschen reden nicht mit sich selbst; außer vielleicht in Momenten starker physischer Erregung, wo ein kurzer Ausruf der Freude oder des Entsetzens durch die Lippen schlüpfen mag. Was ist die Veranlassung, sich selbst zu antworten, anders, als das Anwachsen eines imaginären Vorganges in uns bis zur Verkörperung zu einer äußeren Macht, der wir dann als ein alter ego gegenübertreten. Bierre de Boismont sagt, daß Leute, die Selbstgespräche führen, zu Halluzinationen tendieren. Der einzige Unterschied, in der Tat, zwischen einem Mit-Sich-selbst Redenden und einem Halluzinanten ist nur der, daß Ersterer noch Kenntnis davon hat, daß das unsichtbare Wort, dem er antwortet, noch in ihm selbst vorgeht, während der Letztere das schon nicht mehr weiß, sondern die Quelle draußen sucht. Der schottische Dichter Robert Burns ging bei der Komposition seines »Tam o' Shanter« heftig gestikulierend, wie seine Frau erzählt, und wiederholt laut seinen Helden anrufend »O Tam! O Tam!« am Fluß- Ufer in der Nähe seiner Wohnung auf und ab; dies nahm die Zeit ein »between breakfast and dinner«; am gleichen Abend, als der »storm of Komposition« vorüber war, schrieb er das über zweitausend Verse haltende Gedicht in einem Zug nieder, und erklärte es, bis an sein Lebensende, als das Beste, was er gemacht. — Hieher gehört auch, daß viele Schriftsteller und Dichter ihre Schöpfungen so obiektiv aus sich hinauslegen, daß sie ihre Helden nicht nur anreden, sondern deren Schmerzen teilen, mit ihnen leiden, und für sie fürchten. Balzac war oft trostlos, wie es dieser oder jener Person seiner Erzählung, die noch nicht vollendet war, gehen werde, und besprach alle Eventualitäten mit seinen Freunden mit einer Unruhe und Besorgnis, als ob er nicht den geringsten Einfluß auf den Ausgang habe. Richard Wagner brach einmal bei einer Probe des von ihm komponierten »Lohengrin« in der Szene von Lohengrin's Abschied schluchzend in seiner Loge zusammen.


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