Genie und Talent.
Schiller und Goethe


Die Entscheidung darüber, was genial und was nicht, hat natürlich nicht der Betreffende, nicht der Künstler, sondern der Beschauer des Kunstwerks. Ein gewisser Instinkt sagt uns in vielen Fällen, daß der Künstler nur einen einzigen, plötzlichen Griff in seine Phantasie tat, daß das Kunstwerk, namentlich die erste Skizze, nur eine Momentaufnahme einer glücklichen Konstellation seines Seelenlebens gab. Nehmen Sie z.B. einen Gabriel Max. Wer nur einigermaßen geübt ist im Beschauen und Beurteilen von Werken der darstellenden Kunst, wird zu dem Schluß kommen, daß, was Max oft in seinen Bildern bietet, nur die Augenblickserschütterung seines Gemütes war. Ähnliches gilt von den z.Z. ausgestellten Werken Klinger's. Diese Dinge sind zum Teil zu absonderlich, um längere Zeit in der Seele eines Künstlers zu wohnen. Nehmen Sie dagegen Werke, wie die eines Vautier, oder eines Menzel. Hier haben wir mehr den Eindruck, daß der Vorwurf zuerst mit dem Verstand erfaßt, dann mit Liebe ausgeheckt, ergrübelt, gepflegt, durch nachgehendes Naturstudium gefördert und endlich mit unermüdlichem Fleiß ausgeführt worden. Dort war mehr unser Gemüt erschüttert. Hier ist es unser Verstand, der den Zoll der Bewunderung rückhaltslos entrichtet. Jene waren mehr Poeten, denen der Zufall den Stift oder den Pinsel in die Hand gedrückt; der Quell ihres Schaffens liegt weit hinter ihrem Auge; ist das Resultat einer bestimmten Seelen-Anlage; und der Impuls, die Explosion ist oft so heftig, daß die Hand nicht nachkommen kann; und lieber wird die Form vernachlässigt, als ein Teil der Vision preisgegeben. — Diese dagegen sind die eigentlichen Künstler; in ihrem Auge, das sie nur zum Stift befähigte, liegt der Schwerpunkt ihres Schaffens; ihr Gemüt darf nichts mitsprechen beim künstlerischen Hervorbringen und scheint arm zu sein; um so reicher ist ihr unerschöpfbarer Fond an Naturbeobachtung; der Vorwurf ist oft klein und nebensächlich; die Form ist bis in's kleinste Detail und meisterhaft ausgearbeitet. — Ich habe hier mit Absicht nur erste Namen genannt, um gleich den Irrtum zu zerstreuen, als wäre Ingenium mehr als Talent, oder ersteres gar eine Steigerung des letzteren. Genie und Talent sind nicht graduell verschieden. Es sind zwei verschiedene Spezies, die nichts mit einander zu tun haben. Sie sind verschieden wie zwei Waffengattungen. So wenig man sagen kann, Artillerie ist mehr als Infanterie, so wenig darf man sagen, Genie ist mehr als Talent. Jede dieser geistigen Kampfesmethoden operiert für sich. Wer jeweilig der glücklichere ist, und den Sieg erringt, hängt von den Umständen ab. Das Genie kommt schwer, oft nie zur Anerkennung; das Talent findet leichtere Aufnahme. Nehmen Sie beispielsweise den belgischen Maler Wiertz, dessen unverkäufliche Werke zuletzt in einem eigenen Museum in Brüssel vereinigt wurden, wo sie heute noch eine große Sehenswürdigkeit bilden. Hier ist zweifellos ein Ingenium. Aber die Art der Darstellung, ebenso wie die Wahl der Stoffe, ist so ungeheuerlich, so absurd und fernabliegend, daß die Welt sie nicht goutiert hat. Oder nehmen Sie Jean Paul. Hier haben wir einen bis zur Verrücktheit originellen Künstler. Zu seiner Zeit mit Anerkennung überschüttet, und Goethen und Schillern gleichgestellt, ist er heute fast ungenießbar, und, wie es scheint, für die große Volksmasse definitiv verloren. Oder nehmen Sie Rabelais; einen originellen Kopf, wenn es je einen gegeben hat; aber heimisch ist er in Frankreich nie geworden; und jeder Versuch ihn dem Publikum nahe zu bringen ist ebenso mißlungen, wie, ihn in die Literaturgeschichte einzuschlichten; er steht einsam und verlassen. — Bei dieser Gelegenheit werden Sie es mir gewiß erlauben, einige Worte über unser großes Dioscuren-Paar Goethe und Schiller zu sagen: Schiller und Goethe in einem Atemzug kurzweg als »Genies« zu bezeichnen, halte ich für einen Schlendrian im Denken wie im Reden. Wenn Einer von ihnen ein Genie war, dann war es der Andere gewiß nicht. Denn eine so grundlegende, bis zur Wurzel gehende Verschiedenheit, wie diese zwei Geistesgrößen, ist wohl kaum denkbar. Es ist eine Armut der Sprache, zwei solche Menschen unter einen Begriff subsumieren zu müssen. Wenn aber Einer von Beiden ein Genie war, dann war es gewiß Schiller. Dieser junge Mensch mit seinem mageren Gesicht, dem kecken fast rücksichtslosen Profil, den eingefallenen Wangen, dem fliegenden Atem, und jenem fabelhaften geistigen Elan, wie ihn so viele Lungenkranke aufweisen, war, wenn irgend Jemand, ein Ingenium bis zur letzten Haarzwiebel. Ich appellire an Ihre Empfindung beim Lesen der »Räuber«. Ein kühneres Werk hat vielleicht keine Literatur der Welt zu verzeichnen. Nur ein Jüngling, dessen Geist in Flammen war, konnte so Etwas konzipieren. In diesem Jugendwerk finden Sie Stellen, die an eine Türe anklopfen, an die gewöhnliche Menschen, auch Talente, selbst Goethe, nie hinkommen. — Nehmen Sie dagegen Goethe's »Werther«; ein Werk, das gewiß, ich will nicht sagen geeignet, aber wert ist, an den »Räubern« gemessen zu werden. Wer wollte zweifeln, daß die Tragik der Empfindung uns Tränen auspreßt? Daß wir erschüttert und gereinigt von dannen gehen? Aber schließlich sind es doch nur irdische Verhältnisse. Es ist eine Liebesaffaire, wie sie wo anders auch vorkommt. Nur mit ungeheurer Meisterschaft vorgeführt. Der zeitgenössische Kritiker La Harpe sagte damals, als die Franzosen den großen Erfolg des »Werther« in Deutschland nicht begreifen konnten: Es sei natürlich, eine gut erzählte Liebesgeschichte sei in dem betreffenden Land ihrer tiefen Wirkung auf die Gemüter immer gewiß; Ähnliches hätten sie bei sich zu Hause auch; z.B. Manon Lescant. — Gut! Aber eben die »Räuber« hatten die Franzosen nicht. Hier handelt es sich nicht um glücklich dargestellte Typen aus dem Volk, wie im »Werther«. Sondern Franz wie Karl und Amalie sind fast zur Unmöglichkeit hinaufgeschraubte Figuren. Der transzendentale Gehalt der »Räuber« geht weit über sein irdisches Interesse hinaus. Schiller's hyperideales Bedürfnis durchbrach alle Schranken, und schuf sich Personen, die aus Himmel und Hölle gerissen zu sein scheinen. Und das gibt uns den Maaßstab, Schiller's Jugendwerk als genial zu bezeichnen. — Ich berufe mich bei diesen Ausführungen nicht auf Ästhetiker oder Literaturhistoriker, sondern ich berufe mich auf den künstlerischen Instinkt der Massen. Die große Volksmasse wird immer demjenigen am lautesten zujubeln, der sie in einem angeschauten Kunstwerke am weitesten über das Niveau ihrer täglichen Beschäftigung hinausbringt. Ein Reiter, der im Zirkus über die Hälfte der Manege hinweg auf ein anderes Pferd setzt, und dies mit Gefahr von Hals- und Beinbrechen tut, gilt bei der breiten Volksmasse immer am meisten. Ein korrekter Schulreiter, der nach allen Regeln der Kunst die Bahn ummißt, interessirt sie weniger. Das ist mehr für den Kenner. — Nun, Schiller war in den Augen des Volkes immer ein solch' waghalsiger Reiter, der den Sturz nicht fürchtet. Und das deutsche Volk sieht sich in seinem genialen Wagemut in Schiller geradezu verkörpert. Ihn hat es in erster Linie als Genie bezeichnet. Denn keckes Vorwärtsstürmen steht ihm doch näher als Sentimentalität, und wäre sie in den Mantel höchster künstlerischer Meisterschaft gekleidet. — Wir werden uns hüten das Urteil des bekannten, amerikanischen Schriftsteller's Cooper uns zu eigen zu machen, der meinte: in jedem ästhetischen Thee-Cirkel konnte unter Umständen ein geistreicher Mann wie Goethe entstehen; aber nur ein Gott konnte die Seele Schiller's erschaffen. Aber die entschiedene Inanspruchnahme Schiller's als Genie, tritt in diesem Urteil des germanisch empfindenden Amerikaners deutlich hervor. — Und noch zu einer anderen Bemerkung möchte ich hier um Ihr geneigtes Ohr bitten: Es gibt eine große Breite in der menschlichen Gesellschaft, die auf Alles, was nach Genie riecht, entschieden ungünstig zu sprechen ist. Alles, was sich im weitesten Sinne konservativ nennt, oder in einer glücklich errungenen Stellung die Ruhe liebt, will sich um keinen Preis durch das freche Anklopfen eines kühnen Neuerers aus dem Geleise bringen lassen. Für solche war und ist ein Stück wie Schiller's »Räuber« ein Gräuel. Während die künstlerische Vornehmheit eines Goethe, die zu Nichts verpflichtet, ihnen als das Höchste in der Kunst erscheint. — Nehmen Sie unsere heutigen Verhältnisse: Viele wollen von Ibsen nichts wissen, weil er sie aus ihrem täglichen Geleise bringt. Ein Kaufmann, der mit Frau und Tochter Abends in's Theater geht, will eine hübsche Emotion haben; aber nach Fallen des Vorhangs will er zu Abendessen, zu Ruhe und Ordnung zurückkehren. Ibsen aber verfolgt die Leute bis in ihre Wohnung, bis unter die Dachkammer, bis in's Comptoir, einen Teil der Woche hindurch. Das will ein solider Mann nicht. Er kennt die Kunst nur von der Seite des Genusses. Aber Ibsen tut weh! — Diesen Widerpart gegen das Genie dürfen wir nicht vergessen, wenn wir begreifen wollen, wie Leute wie Boecklin, Klinger, Nietzsche in Deutschland, Poe in Amerika, Byron in England, einfach sich nicht bis zur Oberfläche durchringen konnten. — Die ungeheure Größe, die Goethe heute erreicht hat, hat er vorzugsweise durch die Gelehrten erreicht, die natürlich alle konservativ sind, und deren Angesicht peremptorisch nach rückwärts gerichtet ist; während, was Schiller uns bis heute geworden, er fast nur durch die Volksgunst geworden ist. Über »Tasso« und »Iphigenie« ist gewiß hundert mal mehr geschrieben worden, als über »Kabale und Liebe«. Aber lassen Sie »Kabale und Liebe« im Theater aufführen, und jedes Herz erzittert im Zuschauerraum bis unter den Kronleuchter hinauf. — Ich möchte Goethe nichts von seiner Bedeutung nehmen. Und kein Gedanke wäre mir untröstlicher, als wenn Sie die Empfindung von hier hinwegnähmen, ich hätte Goethe herabwürdigen wollen. Aber Schiller, dieser hagere Phthisiker, diese abgehärmte Heldengestalt mit dem plötzlich entstehenden Wangenrot, dem gleich darauf tödliche Blässe folgt, scheint nun einmal der Inbegriff jener verblutenden Sehnsucht geworden zu sein, die nach dem höchsten Kranze greift, während ihr der Todeskeim schon in der Brust sitzt, wie sie dem Deutschen zu eigen ist, und wie sie in Ernst Schulze, dem Sänger der »Bezauberten Rose« einen anderen Ausdruck gefunden. Während der robuste gesunde Goethe mit seinen sensuellen Neigungen und gelegentlich lüsternen Feinheiten nun einmal eine gewisse, akademische Würde und steife Vornehmheit nicht abstreifen kann. Und diese ist dem deutschen Volke fremd. —


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