Begriff des Genialen


Inzwischen hat die Psychologie den Begriff des Genialen ziemlich eingeengt. Schon immer war man darüber einig, daß die geniale Hervorbringung eine spontane Tätigkeit der Phantasie, des Anschauungsvermögens sei, im Gegensatz zum Intellekt; und da man Anschauungsvermögen im vorigen Jahrhundert zu den sogenannten »unteren Seelenkräften« rechnete, so definirte folgerichtig schon Adelung Genie als »eine vorzügliche Entwickelung der unteren Seelenkräfte.« (»Über den deutschen Stil« 1785). Kant sagt, das eigentliche Feld für das Genie ist die Einbildungskraft, weil diese allein schöpferisch (»Anthropologie«). Sehr eingehend spricht sich Schopenhauer über das Genie aus. Er sagt: Die eigentliche Arbeit des Genies geschieht ganz spontan; das innere Erfassen eines Kunstwerks von Seite des Genies ist unabhängig vom Willen; diesem sogar entgegengesetzt; also kein Akt der Willkür; sondern außer unserem Belieben; es ist eine starke Erregung der anschauenden Gehirntätigkeit; das Talent erfaßt seinen Stoff mit freier Willenstätigkeit; es denkt sicherer, rascher und richtiger als die Andern; das Genie hingegen schaut in eine andere Welt als sie Alle. (»Welt als Wille und Vorstellung«). Jürgen Mayer sagt: das Talent kennt sich selbst; es weiß, warum es zu einer bestimmten Ansicht kommt; das Genie wird sich nie darüber klar; es folgt einem unwiderstehlichen Impuls; nichts Unberechenbareres und Willkürlicheres als eine geniale Idee! (»Genie und Talent«). Maudsley und Eduard von Hartmann glauben, daß die geniale Konzeption zunächst unbewußt erfolgt und dann plötzlich vor das erstaunte Auge ihres Besitzers tritt. (»Physiology and Pathology of the Mind.« — »Philosophie des Unbewußten«). Jean Paul vergleicht den Moment der Eingebung direkt mit dem somnambülen Zustand. (»Vorschule der Ästhetik«). Und Humboldt sagt: »In dem einzigen Moment, da die Phantasie des Künstlers das Bild in sich geboren, ist das Meisterwerk vollendet, selbst wenn seine Hand in diesem Augenblick erstarrte. Die wirkliche Darstellung ist nur ein Nachhall jenes entscheidenden Moments.« — Aus all diesen Äußerungen sehen Sie, daß das Eintreten des genialen Augenblicks als etwas Neues, Plötzliches und Fremdartiges aufgefaßt wird, und als etwas vom gewöhnlichen Denken grundsätzlich Verschiedenes. Der geniale Einfall ist ein freiwillig geleistetes Geschenk der betreffenden Geistesanlage, an ihren eigenen Besitzer, unvermittelt, unerwartet, zufällig, wie von außen kommend, so daß der Betreffende selbst überrascht ist. Schon der alte Ausdruck Inspiration vom lateinischen inspirare, einhauchen, deutet an, daß Genies früherer Zeiten ihre Ideen als etwas von außen an sie Kommendes ansahen. Bei allen alten Völkern galt die Dichtkunst als eine Eingebung der Gottheit. Und nicht zufällig ist es, daß der Ausdruck Genius sowohl ein Genie, als einen geflügelten Abgesandten aus dem Jenseits bedeutet. Auch später, als die Verbindung der Dichtkunst mit einem sie verleihenden göttlichen Wesen mehr weniger fallen gelassen wurde, nannten sich die ältesten Dichter des Abendlandes, die Provencalen, Trovatore, Troubadour, vom ital. Trovare, finden, also Finder. Der Begriff finden deutet wiederum an, daß der Gegenstand außerhalb ihres Geistes liegt. — In unseren Tagen haben sich Psychologie und Philosophie im Allgemeinen dahin geeinigt, daß man sagt: der geniale Einfall wird durch Intuition, durch das geistige Anschauungsvermögen, geboren, und ist eine freiwillige, unberechenbare Leistung der betreffenden Geistes-Anlage; während das Talent mehr deductiv arbeitet, durch bewußte Zielrichtung zu seinen Ideen kommt, und seinen Erfolg seinem Fleiß und seiner Anstrengung verdankt. Seit wir wissen, daß ein Teil unserer Vorstellungen unbewußt ablaufen kann, ist der plötzliche Einbruch des genialen Einfalls leichter zu erklären: Nach einer Reihe unbewußter Vorstellungs-Akte tritt mit einemmal der geniale Gedanke bewußt zur Erscheinung, und der Betreffende ist über die Herkunft selbst im Zweifel und nennt es Einfall; das Wort Einfall, von außen hereinfallen, verlegt ja auch die Quelle des Ereignisses nach außen. Dieß ist die eine Erklärungsmethode. Oder es handelt sich beim Genie um das, was man Doppelpersönlichkeit nennt: Unter geringerem oder größerem Einschlafen des Bewußtseins, des Willens, tritt die Einbildungskraft, ähnlich wie im Traum, in volle Wirksamkeit. Und die genialen Einfälle kommen dann mit der Fremdartigkeit von Traumbildern heran. Aber mit dem Unterschied, daß, während der Träumende machtlos ist, das Genie seine traumartig einfallenden Regungen kritisiren, und mit dem Willen ordnen kann. Hier trifft Jean Paul's Vergleich des genialen Menschen im Moment der Inspiration mit einem Somnambulen, vollständig zu. Eine große Anzahl bedeutender Männer scheinen nach ihren Biographien zu bestimmten Zeiten wie Schlafwandelnde gehandelt zu haben. Von Beethoven ist es bekannt, daß er auf seinen Spaziergängen durch Wien oft plötzlich auf der Straße stehen blieb; oft mitten auf dem Fahrdamm; aus seinem ganzen Äußeren sah man, daß er unter dem Eindruck einer starken inneren Erregung stand; seine Augen glänzten, und gingen, wie bei einem Menschen, der von einem starken Affekt beherrscht wird, irrlichterirend hin und her; er sah dann gar nichts, was sich um ihn ereignete; hörte keine Rufe, auszuweichen u. dergl; wohl aber zog er gelegentlich Papier und Bleistift hervor, die er stets zu diesem Zwecke bei sich trug, machte einige Noten- Notizen, und setzte dann, ruhig und wieder normal geworden, seinen Weg fort. — Also das autochthone Auftreten eines Phantasiebildes oder eines Gedankens ist Bedingung für geniale Begabung. Versuchen wir an einem Beispiel hier in diesem Saal das zu illustriren, was wir im Auge haben: Nehmen Sie an, hier in diesem Saale nähmen Temperatur und Hitze-Grade plötzlich in gefahrdrohender Weise überhand; durch irgend ein elementares Ereignis, wie Platzen eines Heiz-Rohres, nähme die Athmosphäre innerhalb kurzer Zeit einen Charakter an, ähnlich wie in jenem »schwarzen Loch« in Kalkutta, wo bei dem großen indischen Aufstande mehrere hundert englische Männer und Frauen von den Aufständischen eingeschlossen in einem engen Raum nur durch den Abschluß der äußeren Luft erstickten; lassen Sie mich auch die Bedingungen in soweit konstruiren, daß als einziger Ausgang jene große Mitteltüre existierte, die aber, nach innen aufgehend, durch die hinausdrängende Menschenmenge blockiert, nicht geöffnet werden könnte; und nehmen Sie an, im Moment der höchsten Gefahr, nähme Jemand sein Bierkrügl und würfe damit eine jener großen, hochgelegenen, bis an die Saaldecke reichenden Glasscheiben ein, und rettet so, mit dem Eindringen der frischen Außenluft, die Situation, — so wäre das ein genialer Einfall; unter der Bedingung, daß dieser Wurf nicht das Resultat einer in der allgemeinen Verwirrung unmöglichen Diskussion, sondern, daß der Betreffende das Bild des gegen die Fensterscheibe fliegenden Krügls, das Splittern der getroffenen Scheibe, das wirbelnde Hereinstürzen der kalten Luft, die starrenden Splitter rings um die entstandene Öffnung in rascher Reihenfolge vor seinem inneren Aug vorüberziehen sähe, und, wie von einem plötzlichen Impuls gepackt, das Gesehene ausführte. — Nehmen Sie dagegen an, der Wirt, oder sonst Jemand, der mit den Verhältnissen vertraut wäre, ginge in der Absicht, die Menge von der blockierten Mitteltür wegzulocken, auf eine kleine Nebenthür los, die, der Bedingung gemäß verschlossen sein müßte, aber mit dem Ruf: Hier ist ein Ausgang! und brächte durch diese Finte die Leute von der Mitteltür weg, die nun geöffnet werden könnte, so wäre das mehr das Vorgehen eines schlauen, Geistesgegenwart besitzenden, talentirten Kopfes. Das Talent weiß von Haus aus, was es will und sucht nach Mitteln; das Genie weiß außer einer beängstigenden Stimmung nicht, was es will, sieht aber plötzlich die Lösung in einem fertigen Bilde vor sich. — Die aus Zeus' Haupt gewappnet hervorspringende Pallas Athene, mit Schild und Speer, bereit zum Kampf, ist ein glückliches Symbol für das Eintreffen der genialen Idee. Und Archimedes, der plötzlich von der Lösung eines mathemathischen Problems überrascht, aus dem Bad, springt und unbekleidet mit dem Ruf Heureka! Ich hab's gefunden! durch die Straßen Syrakus' eilt, ist ein glückliches Urbild für die spontane Leistung eines genialen Kopfes. — Die geniale Begabung ist, nach der psychologischen Definition, die wir oben gegeben haben, natürlich nicht auf Jene beschränkt, die wir in bewunderndem Sinn, gern allein Genie nennen möchten: auf große Dichter, Künstler, Gelehrte und dergl. Jeder, jede Sparte, jedes Geschlecht kann von dem genialen Funken durchzittert werden: Im vorigen Jahrhundert wurde die Bank von England auf eine unerhörte und höchst merkwürdige Weise bestohlen. Dieses festeste und sicherste Gebäude der Erde, welches ohne Fenster, nur ein großes Mauerquadrat darstellt, glückte einem findigen Kopfe, dadurch anzugreifen, daß er einige hundert Schritt entfernt ein unscheinbares Haus kaufte, und von dem Keller aus, mit monatelanger Arbeit einen Tunnel grub bis unter das Niveau des Bankgebäudes. In einer Nacht nahm er dann die letzte Schicht weg, und beraubte das Institut um einen ansehnlichen Betrag. — Oder nehmen Sie Meyer Anselm Rothschild, der Begründer des Vermögens dieses großen Geldhauses, der nach der Schlacht von Waterloo sich mit Lebensgefahr auf einem Schifferboot über den Kanal rudern läßt, in London die tiefgesunkenen Papiere aufkauft, um nach Eintreffen der Siegesnachricht die ungeheure Differenz einzuziehen! — Und halten Sie damit zusammen jene andere phantastische Reise, die Swift seinen Kapitän zu den Liliputanern machen läßt, so dürfte es zweifelhaft sein, welcher dieser drei Operationen der Preis höchster Originalität zukommt. Was weiß die Natur von unsern Schemas und meskinen Einteilungen!? Was weiß sie von unserem Unterscheiden von nützlichen und schädlichen Genies!? Was kümmert es sie, daß wir heute die Schläfe eines Dichters bekränzen, und morgen einem Verbrecher den Kopf abschlagen!? Sie nährt Rose und Schierling mit gleicher Liebe an ihrem Busen. Sie wirft heute Diesem, morgen Jenem den zündenden Funken eines genialen Impulses in die Brust. — Doch bleiben wir bei den Rosen, und bei den angenehm duftenden Blüten der Menschheit!



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  Genie und Wahnsinn