Die Maisonne eines Septemberlebens


 

Oktober 1906

I

Es ist bekanntlich eine Todsünde, an Ibsens Unsterblichkeit zu rühren, und wehe dem, der in annähernd so respektlosem Ton von ihm zu reden wagte, wie etwa Heine von Goethe: »Goethes Abneigung, sich dem Enthusiasmus hinzugeben, ist ebenso widerwärtig wie kindisch.« (Nebenbei: Wehe dem vor allem, der so respektlos von Heine spräche.) Aber gegen den geräuschvollen Versuch, den Lebensabend Ibsens durch eine Ulrike Löwyzow verklären zu lassen, muß doch Einspruch erhoben werden. Die Briefe, die das Fräulein Emilie Bardach an Ibsen geschrieben hat, werden hoffentlich nie zum Vorschein kommen; die Briefe, die er ihr geschrieben und die die Kommissionsfirma für Nachruhm Georg Cohen Brandeis in Kopenhagen in der Sterbestunde Ibsens an ihre journalistischen Geschäftsfreunde geliefert hat, sind so nichtssagend, daß ihnen das Interesse künftiger Literarhistoriker gesichert ist. Man müßte also für alle Fälle warten und den Zeitgenossen des Fräuleins Bardach die Verkoppelung der Ibsenwelt mit dem Geiste der Wiener Jours ersparen können. Nach hundert Jahren werden nämlich auch die Gebräuche jener Gesellschaftskreise, in denen man auf die Frage: »Kennen Sie Ibsen?« bis vor kurzem noch antwortete: »Wie macht man das?« ehrwürdig sein, während die allzuplötzliche Einführung des Fräuleins Bardach in die Nachwelt nur unseren Respekt vor dem tiefsten Frauenverkenner zu mindern vermöchte. Der ganze Rummel macht den Eindruck, daß eine Wiener Familie, die in Gossensaß den Sommer verbrachte, ins Unglück gestürzt wurde, weil die Tochter, »eine gute Partie, wenn auch etwas überspannt«, dem jungen, gesunden Konzipienten mit reellen Absichten einen symbolistischen Dichtergreis vorgezogen hat. Aber Dichtergreise annoncieren nicht in der Neuen Freien Presse: »Lebensabend zu verklären gesucht«, und so dürfte die hastige Publikation der Briefe darauf schließen lassen, daß das Fräulein Bardach schon bei der Annäherung an Ibsen, von dem Wunsche, sich literarhistorisch zu versorgen, beseelt gewesen ist. Wenn Ibsen seine Hilde Wangel wirklich »aus dem Leben« geholt hat — ein Rückschluß auf die Fülle dieses Lebens wäre für Fräulein Bardach nicht eben schmeichelhaft. Wie wir sie heute sehen und die Rapidität bewundern, mit der sie ihre Beziehungen zu den Johannistrieben einer Berühmtheit nachweist, sich als »Maisonne eines Septemberlebens« legitimiert, scheint sie uns mehr ein Strindberg-, als ein Ibsenstoff zu sein. Daß der Norweger den Schweden für »verrückt« gehalten hat, wird uns von den Anekdotenerzählern jetzt bis zum Überdruß versichert. Wenn wir Toten erwachen und sehen könnten, wie es sich weist, daß eines Weibes Stärke unsere Schwäche ist, wir hielten den Strindberg nicht mehr für ganz so verrückt und anerkennten das Gebot der Klugheit, rechtzeitig die Frauen nicht zu überschätzen.

Selten noch hat das Wort »Nachlaß« so sehr nach einem Ausverkauf gerochen wie diesmal. Und der fixe Kommis in der Neuen Freien Presse arrangierte Ibsens Liebesbriefe in der Auslage eines zwölfspaltigen Feuilletons. Herr Sil Vara ist unter den jungen Kräften des Wiener Journalismus, die erborgte Sentiments in eigenes Deutsch kleiden, der bedenklichsten eine. An derselben Stelle, an der einst Ludwig Speidel eine Mesalliance zwischen der deutschen Sprache und der Neuen Freien Presse glücklich zustande gebracht hat, schnäbelt die alte Schneppe mit frisierten Judenknaben, die sich auf Psychologie verstehen. Hier wurde am 3. August die Geburt einer »Zwillingsschwester der Ulrike von Levetzow« angezeigt. Herr Sil Vara beschrieb sie nach dem Bilde, das Herr Brandes seiner Publikation vorangestellt hat. »Mit diesen Augen hat sie ihn angesehen, als er im großen Saal des Wieland-Hofes speiste.« Die Frage, die der Schottenring stets frei hat an das Schicksal: »Was hat sie angehabt?« beantwortet Herr Sil Vara in einer Weise, die allerdings Ibsens Interesse für die Dame zu erklären vermöchte: »Wie eine Schlange ringelt eine überlange Federboa sich über eine Schulter und durch einen Arm hindurch.« Herr Sil Vara meint, daß »nur Jahre vergehen müssen«, und der rätselhafte Blick des Fräuleins Bardach könne »dem Lächeln der Mona Lisa ebenbürtig werden«. Wir können warten. Fräulein Bardach konnte es nicht. Herr Sil Vara selbst gibt zu, daß die Annäherung der Dame an Ibsen eine vorbereitete Sache war, findet aber gerade diesen Zug aus dem Leben des Fräuleins Bardach gewinnend. Er malt sich das ungeheure Erstaunen des mürrischen Dichters aus, der das Mädchen gefragt haben muß, »ob sie nicht gefürchtet hätte, auf ihre Anfrage barsch zurückgewiesen zu werden«. Sie aber, mit dem Stil und der Dialektik seiner weiblichen Gestalten wohl vertraut, dürfte schwärmerisch geantwortet haben: »O nein, ich habe es ja in Schönheit getan.« Auf diese ungeheure Schmockerei hin kann sich Ibsen nicht mehr zurückhalten und muß im Deutsch und in der Gesinnung des Herrn Sil Vara reagieren. Unter anderem also denkt er: »Sie hat recht, daran hatte ich schon lange vergessen; und übrigens scheint sie alle meine Werke gelesen zu haben.« Was Ibsen mit dem Fräulein Bardach gesprochen hat, weiß niemand. Nur Herr Sil Vara vermutet, daß es ein Dialog aus »Baumeister Solneß« war und schreibt ihn darum ab. Mit kleinen, neckischen Abweichungen. Ibsen im Bann einer höheren Tochter, Solneß auf der Spitze jenes Kirchturms, der gegenüber dem Institut Jeiteles steht. So für das Publikum einer Volkstheaterpremiere appretiert, wird sich der »Magus« auch bei uns durchsetzen, und wenn er einmal nach Wien kommt, geben sich Bardachs gewiß die Ehre. Vorläufig geht die Familie von Gossensaß nach Ischl, wo auch der Konzipient sein wird ... Ibsen ist bei der Kommentierung der Stelle von den Teufelchen angelangt. »Dann schwieg er wieder«, erzählt Herr Sil Vara, »vergaß an seine Nachbarin und versank in Grübeleien.« Und bei der Erinnerung an die Wikinger, die ein robustes Gewissen hatten und Weiber annektieren konnten, seien sie einig geworden. Aber Fräulein Bardach habe dennoch vergebens »auf das Wunderbare gewartet« ... Dieser Ibsen hat nämlich immer entsagt. Schon in seiner Jugend, als ihn auf einem Balle »ein paar schöne Augen« — wie viel, gibt Herr Sil Vara nicht an, nur, daß sie einem Mädchen gehörten — gefesselt hatten. Ibsen entsagte auch diesmal. Und Herr Sil Vara fürchtet, die »Maisonne eines Septemberlebens« könnte »in dunklen Wolken des Lebens untergegangen« sein. Immerhin nahm sie noch rasch Gelegenheit, in Buchform mit Porträt und Vorwort zu erscheinen.

Alles in allem: wir verdanken Herrn Brandes eine seltsame Schaustellung. Der Eisbär trägt ein blaues Mascherl, und durch die Nase wurde ihm der Schottenring gezogen. Ibsenfanatiker, die selbst auf der Kirchturmspitze des »Baumeister Solneß« kein symbolistischer Schwindel erfaßt, mögen es als schmerzliche Enttäuschung empfinden, daß seine Maisonne Bardach geheißen hat. Andere werden den Dichter, der dadurch endlich auch dem Verständnis weiterer Kreise nähergerückt ist, gegen die Vertraulichkeiten des Wiener Feuilletongeistes schützen wollen, der dem Alten heute mit der Anrede »Septemberleben« auf die Schulter klopft.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 208, VIII. Jahr

Wien, 4. Oktober 1906.

 

 

Dezember 1906

II

Über die Maisonne eines Septemberlebens haben sich schwere biographische Wolken gelagert. Die Dezember-Nummer der ›Neuen Rundschau‹ zeigt an, daß sich die Beziehung Ibsen-Bardach im Aprilwetter des Nachruhms nicht als standhaft bewährt hat. Schon aus dem fälschenden Auszug der Neuen Freien Presse war dies zu entnehmen. Wer aber erst den ganzen Bericht liest, den der Ibsen-Herausgeber Elias über seine Unterredung mit der Witwe des Dichters veröffentlicht hat, der wird finden, daß ich den Nagel auf den Kopf des Herrn Brandes getroffen habe, als ich schrieb, die hastige Publikation der Briefe Ibsens lasse darauf schließen, daß das Fräulein Bardach schon bei der Annäherung an Ibsen von dem Wunsche, sich literarhistorisch zu versorgen, beseelt gewesen sei. Viele Originale des Dichters, meint Elias, »bewahren über ihre Bekanntschaft mit Henrik Ibsen vorderhand noch die Zurückhaltung, die gewissen anderen fehlt« .. »Betrachtungen solcher Art wurden zwischen Frau Ibsen und mir angeregt durch das Thema des kleinen Solneß-Fräuleins, das gerade nur den Tod Ibsens abgewartet hat, um ihre Harmlosigkeiten unter elektrische Beleuchtung zu stellen, damit sie den Schein biographischer Wichtigkeit empfingen. Dieses Hilde- Muster war für den Dichter nur ein ›Fall‹ wie andere mehr. Frau Ibsen sprach davon ohne Pathos, mit humoristischer Gleichgültigkeit (die Neue Freie Presse nennt es ›Unbefangenheit‹) — sie hatte alle die Briefe zu lesen bekommen, auf deren Antwort die Schreiberin oft so lange hatte warten müssen, hatte alle die Photographien gesammelt und noch das letzte Bild, worauf die Dame sich als ›Prinzessin von Apfelsinia‹ selbst glorifiziert, auf Ibsens Geheiß in den Papierkorb werfen müssen: so sehr war die Begegnung dem Dichter gleichgültig geworden, nachdem er ›ein Kunstwerk daraus gemacht hatte‹. Die Frau stand ebenso über diesen Dingen, wie der Mann über ihnen gestanden hatte. Nicht ins Kapitel der ›Dichterliebesleben‹ gehören sie — —« Glaubt Herr Sil Vara noch immer, daß nur Jahre vergehen müssen, damit der rätselhafte Blick des Fräuleins Bardach dem Lächeln der Mona Lisa ebenbürtig werde? Er dürfte ein alter Mitarbeiter der Neuen Freien Presse werden, ehe er das erlebt. Die Sippschaft hat sich ein Reklamestückchen geleistet, das nun in seiner ganzen Dreistigkeit von zuständiger Seite enthüllt wird. Sogar der junge, gesunde Konzipient mit reellen Absichten, den ich in die Farce einführte und dem nach meiner Erfindung das Fräulein Bardach den symbolistischen Dichtergreis vorgezogen hat, scheint zu stimmen. Man könnte die Äußerungen der Gattin mit einigem Mißtrauen aufnehmen, wenn nicht Elias sich einer Unterredung entsänne, die er mit Ibsen selbst über die Wienerin von Gossensaß geführt hat. »Die habe ihm gleich Bekenntnisse gemacht. Die Hauptsache: sie lege gar keinen Wert darauf, einmal einen wohlerzogenen jungen Mann zu heiraten, — sie werde gewiß gar nicht heiraten.« Ibsen erzählt, er habe die Dame studiert. »Aber sonst habe sie nicht viel Glück mit ihm gehabt.« Als ihren Ehrgeiz habe sie es bezeichnet, anderen Frauen Männer wegzunehmen. »Sie nahm mich nicht, aber ich nahm sie für eine Dichtung. Sie hat (hier kicherte er wieder) sich dann wohl mit einem andern getröstet«. »Frau Susanna«, erzählt Elias, »gerät bei diesem Kapitel in die Stimmung von Heiterkeit: ›Ibsen, habe ich manchmal zu ihm gesagt, Ibsen, halte dir die vielen überspannten Frauenzimmer vom Leibe‹«. Das hat er nun davon, daß er den Rat nicht befolgt hat! Schon Nestroy sagt: »Wie ich damals von einer Liebe, die ich nicht ausmärzen konnte, im April mich losgerissen, war meines Lebens Mai vorbei; aber nie hätt' ich mir gedacht, daß ich nach acht Jahren im Juni meine Juli u.s.w.«

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 213, VIII. Jahr

Wien, 11. Dezember 1906.



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