Habitué


Habitué. Über ein Stück des Herrn Triesch schreibe ich, ohne es zu kennen. Dass es die Umarbeitung eines Stückes ist, das ich vor zehn Jahren gesehen habe, macht mich nicht befangen. Ich erinnere mich an »Ottilie« nicht mehr und weiß doch, dass die »Schuldigen« ein Schund sind. Würde ich denn eine Woche später die »Schuldigen« kennen, wenn ich sie heute sähe? Ich mache mich jederzeit erbötig, auf Grund der Inhaltsangabe des Herrn Kalbeck das ganze Werk des Herrn Triesch zu rekonstruieren. Ich kenne die Gedankenwelt und die Sprache seiner Menschen. Denn wenn ich auch die »Handlung« von »Ottilie«, »Nixe«, »Hexenmeister« und »Komplott« vergessen habe, so werden doch meine Nerven diese Eindrücke von aschgrauer Talentlosigkeit nicht los, die sie in der Zeit früher Theaterfreudigkeit empfangen haben. Wie eine fürchterliche Verpflichtung, von einer bösen Fee auferlegt, lastet dieser Triesch-Kultus auf dem Burgtheater. Die modernsten Direktoren, die Hauptmann aufführen und die bloß für ihn »eintreten«, können sich ihr nicht entziehen. Im Jahre 1906 wird auf dem deutschen Theater der Satz gesprochen: »Vielleicht war auch der Gatte selber nicht ohne Schuld. Vielleicht hat er, nur seinem Berufe lebend — auch das ist eine Art Egoismus — sein junges Weib, das nach Liebe dürstete, nach Zärtlichkeit, nach traulichem Gedankenaustausch, darben lassen!«. »Vielleicht, ach, vielleicht!« setzt Herr Kalbeck hinzu, »Die Gewißheit wäre uns lieber gewesen. Um Frau Angela verzeihen zu können, müßten wir sie und das Verhältnis zu Mann und Liebhaber durchschauen und begreifen«. Herr Kalbeck vermißt also einen »klareren Einblick in die Vorgeschichte des Dramas«. Am Drama selbst hat er nicht genug. Herr Kalbeck, der feinsinnige Triesch-Kommentator, gibt sogar zu, dass Ibsen einsetzen müßte, wo Triesch versagt. Dem Triesch nämlich genügt der »Fehltritt« einer Frau, um ein Stück daraus zu machen. So ist denn also der Fehltritt der Frau Angela nicht ohne Folgen geblieben. Sätze des Kommentars, die natürlich auch im Stück vorkommen könnten: »Da ist das Unglück geschehen, in einem Augenblicke trunkener Selbstvergessenheit, der sich niemals wiederholen sollte ... Nun haßte sie den Mann, den sie zu lieben wähnte ... Angela wird zu spät gemerkt und erfahren haben, dass ihr Geliebter bereits Trost in den Armen einer Buhlerin gesucht und gefunden hatte, ehe er sie in die seinigen schloß. Von Abscheu und Widerwillen erfüllt, im Stolze ihrer Frauenehre beleidigt, wird sie dem nichtswürdigen Verführer mit Entlarvung gedroht haben, um, gebrochen an Leib und Seele, freudlose Tage der Reue in schwermütiger Einsamkeit zu verbringen ...« Gibt's denn das heute noch? Eine Figur heißt »Guido von Hochwaiden«. Herr Kalbeck: »Der Cousin Paulas, Guido von Hochwaiden, ein flotter Husarenleutnant, der ältere Ansprüche auf die Tochter Webers zu haben meint, gibt den Anstoß zur tragischen Enthüllnng des sorgfältig gehüteten Geheimnisses«. Herr Kalbeck kommt zu dem »ernst, aber nicht hoffnungslos ausklingenden Ende des Stückes« ... Ich glaube nicht, dass ich mit einer der Personen, die darin vorkommen, drei Worte sprechen könnte. Aber ich hoffe, dass man diesem Dramatiker, der seine Stücke zuerst auf einer Vorstadtbühne zu Gunsten der Konkordia aufführen läßt und den Kritikern für alle Fälle noch Redaktionsbesuche abstattet, endlich einmal die Tür des Burgtheaters nach außen öffnen wird. Und hoffentlich wird — damit Herr Triesch nicht etwa doch bei einer andern Tür wieder hereinkommt — der Tritt kein »Fehltritt« sein! Man muß schon allerhand Respekt vor dem Eifer haben, mit dem die »erste deutsche Bühne« um die Literatur wirbt. Sie leiht den Gedanken des Herrn Triesch ihre beste Schauspielkunst und läßt ein Stück des Herrn Prévost von Herrn Siegmund Lautenburg ins Deutsche übersetzen, von jenem berühmten Herrn Lautenburg, der einst behauptet haben soll, dass es »Halluncination« und nicht »Hallucination« heiße, und da man ihm das Wort im Konversationslexikon zeigte, verächtlich rief: »Na ja, Meyer! Und noch dazu ein alter Jahrgang!«

 

 

Nr. 197, VII. Jahr

28. Februar 1906.


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