Liberaler


Liberaler. Wer beleidigt das Andenken Heines schwerer? Der antisemitische Trottel, der gegen ihn lospöbelt oder ...? »Unter den Besuchern, die sehr zahlreich zur letzten Ruhestätte Heines pilgern, hat sich der Brauch eingebürgert, ihre Visitkarten in einem eigens hiefür bestimmten Behälter zurückzulassen.« Darauf wird in Wien mit Lob hingewiesen. Wie würden sich die liberalen Redakteure erst freuen, wenn sie die Widmungen läsen, mit denen die Visitkarten beschrieben werden! »Im Kampfe um ein Denkmal für dich unterlag ich der Dummheit und deinen Feinden«, erzählt Herr Silberstern dem toten Dichter. Der anmutige Brauch soll offenbar bezwecken, dass das Andenken an die Wiener Liberalen erhalten werde und die Besucher des Grabes in der Erinnerung Heines fortleben. Wem aber sein Einfall — so berichtet mir ein Pariser Leser — zu bedeutend erscheint, um in der Fülle des Behälters zu versinken, der bricht aus einem daliegenden Kranze ein Stückchen Draht und heftet seine Karte recht auffällig an das Grabgitter. Wenn nun die Familie Kohn nach Paris kommt und im Begriffe ist, die Loreley für ein schönes Gedicht zu erklären, dann klettert Kohn jun. übers Gitter und reicht Papa, Mama und der Schwester sämtliche Visitkarten hinüber, damit sie nachsehen, ob »wer Bekannter« darunter sei, und die poetisch veranlagte Thusnelda Kohn durch die Lektüre der reizenden Widmungen zu einem ähnlichen Produkt angeregt werde ...

 

 

Nr. 197, VII. Jahr

28. Februar 1906.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 29.01.2007 
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