Vorwurf der Manieriertheit des Stils


Ein Nachtrag. Der gute Graf Reventlow verteidigt ihn gegen den »Vorwurf der Manieriertheit des Stils«: Dieser treffe nicht zu, »denn er schreibt, wie er spricht und wie er ist«. In Deutschland ist man auch sonst, vielfach dieser Ansicht. So schrieb zum Beispiel — unter den zahllosen Blättern, die sich mit meiner Erledigung des Herrn Harden befaßten — das 'Leipziger Tageblatt' die folgende Einleitung zu einem Auszug aus meiner Schrift:

»Glücklicherweise gibt es unter gebildeten Deutschen, ja sogar unter einigen deutschen Schriftstellern Leute, die ein Heft der Harden'schen 'Zukunft' nicht ohne einen nervösen Arger in die Hand nehmen, weil sie sicher sein können, darin wieder einen langwierigen Artikel ihres Herausgebers in einem verlogenen vergewaltigten Deutsch zu finden. Wenn die Kunst, aus dem Stil eines Schriftstellers auf sein Temperament, seine Wahrhaftigkeit, seine seelische Energie einen Schluß zu ziehen, bei uns mehr geübt würde, so wäre man sich über den Charakter Hardens nicht erst durch sein Verhalten während des Moltke-Harden-Prozesses klar geworden. Das Traurige am Fall Harden ist, dass der Stil der 'Zukunft' den Stil des halben gegenwärtigen deutschen Schriftstellertums infiziert hat. Man findet ihn bei hundert Journalisten wieder; es wird keine neue Zeitschrift gegründet, in der nicht irgend ein Rückblick auf Theater oder Handel oder Politik in seinem Zeichen stände; ja er wirkt sogar auf die ernsthafteren Literaten ein, enthüllt sich hier freilich als Anfängerversuch. Eine Tatsache nicht mit einfachen Worten sagen zu wollen, nach Inversionen und Satzverrenkungen zu greifen, ist das erste Hilfsmittel eines nach Stil suchenden Autors: das Ungewöhnliche scheint die Besonderheit zu gewährleisten. Der Schriftsteller Harden ist nur in Deutschland mit seiner Gleichgültigkeit gegen Form möglich.«

 

 

Nr. 244, IX. Jahr

17. Februar 1908.


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