Die Burgtheaterkunst


Eine Sehenswürdigkeit Wiens, die den Fremden gezeigt werden könnte, wenn sie sich entschlößen, einmal Ernst zu machen und zu kommen, ist der Direktor des Burgtheaters. Sie haben schon so oft über die erste Bühne Deutschlands munkeln gehört und speziell in Gera wird so viel über die Kunstkräfte gesprochen, die man dort nicht zu sehen bekommt, weil sie der Wiener Burgtheaterdirektor immer wegschnappt, dass sich eine Reise nach Wien wirklich einmal verlohnte. Aber die Burgtheaterdirektion kommt den Bestrebungen des Vereines zur Hebung des Fremdenverkehrs nicht nur durch systematische Heranziehung der Provinz entgegen. Auch ihre programmatischen Erklärungen erregen das größte Aufsehen und es dürfte gewiß viele Berliner geben, die den Wunsch haben, den Mann zu besichtigen, der kürzlich den Niedergang des Burgtheaters als ein Gebot der persönlichen Bescheidenheit zu rechtfertigen versucht hat. Herr v. Berger gab nämlich einem Reporter die Versicherung, er könnte schon, wenn er wollte, er ziehe es aber vor, die Persönlichkeit des Inszenierungsleiters bescheiden zurücktreten zu lassen. Er sei zur Überzeugung gekommen, »das Hervorkehren der persönlichen Note sei nicht so sehr Sache der Kunst oder irgend einer Kunst, sondern Sache einer schlechten Erziehung«. Das Publikum, das zu Hebbel geladen wird, sagte er, dürfe nicht Berger vorgesetzt bekommen. Das ist durchaus korrekt gedacht. Leider aber vermag es den Zweifel nicht zu beseitigen, ob der Entschluß Bergers, hinter Hebbel zu verschwinden und inzwischen mit den unbeschäftigten Schauspielern zu diskurieren, schon Grund genug für Hebbel ist, in Erscheinung zu treten. So löblich der Vorsatz ist, »einfache Burgtheateraufführungen zu bieten, aus denen nicht der Baron Berger herausschaut«, so bleibt doch die Frage offen, was bei solchen Burgtheateraufführungen herausschaut. »Ich könnte schon, aber ich will nicht«, sagte der Mann, der sich nicht sehen lassen, aber immer hören lassen will. Da wäre es denn an der Zeit ihm zu raten, dass er, um seine Persönlichkeit endlich mit besserem Erfolg als bisher verschwinden zu lassen, sie einmal, nur ein einziges Mal zeige. Wenn man sie gesehen hat, wird man sie späterhin glauben. Auch die gute Erziehung wird dann besser gewürdigt werden, denn es ist ein Unterschied zwischen einem Direktor, der nicht mehr gibt als er hat und sich beim Niedergang des Burgtheaters diskret verhält, und einem, der darüber Reden führt, dass der Niedergang des Burgtheaters eine Forderung des persönlichen Anstandes sei. Herr v. Berger nennt sich »Anhänger eines gesunden Starsystems«, ein Star sei schlecht, wohl aber seien ihm »fünf oder sechs Stars willkommen.« Wie sie heißen oder ob sich etwa die Lewinsky, Sonnenthal, Meixner, Mitterwurzer Robert und Frau Wolter entschlossen haben, nach längerer Pause wieder aufzutreten, hat er nicht erzählt. Vielleicht besitzt er fünf oder sechs Staare, denen er Rollenauffassungen vorplaudert. Einer dürfte sich selbst in dieses Ensemble nicht drängen, jener Darsteller des »Faust«, dessen Engagement einen Heiterkeitsausbruch bei der gesamten Theatermenschheit zur Folge hatte, weil man ihm im Gegensatz zu Herrn Gregori nicht einmal glaubt, dass er Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studiert habe. Rührend aber soll die Bereitwilligkeit unseres Freiherrn sein, sofort an die Persönlichkeit eines Talentes zu glauben, das ihm von einer Grafin empfohlen wird, wobei offenbar die Verwechslung mit der Persönlichkeit, von der die Empfehlung ausgeht, urteilbildend wirkt. Bescheiden tritt nur die des Direktors in den Hintergrund. Sie ist selbst dort nicht zur Stelle, wo man sie wirklich braucht, nämlich beim Begräbnis eines Vorgängers. Nicht, als ob Herr v. Berger um einen Nachruf verlegen wäre. Bewahre, er schreibt ihn sogar, ehe einer tot ist. Sein Björnson-Nachruf erschien, bevor der Hauptbeteiligte dazu einen triftigen Grund gegeben hatte. Dafür ist freilich nicht die Gewissenhaftigkeit des Herrn v. Berger, der seinen Leitartikel zu dem Termin liefert, für den er bestellt ist, sondern die Unverläßlichkeit Björnsons verantwortlich, der sich nicht an den Termin hielt, oder wenn man will, der Übereifer der Neuen Freien Presse, die ihn zu früh ansetzte. Bei dem Tode Mahlers ist so etwas Gottseidank nicht passiert. Mahler starb wirklich, ehe der Nachruf des Herrn v. Berger erschien, aber es ist bemerkenswert, dass Herr v. Berger nicht wußte, dass Mahler gestorben war, dass man es vor ihm verheimlichte und dass er es erst aus seinem Nachruf erfuhr, denn es geschah in der Nacht, und man kann sagen, dass für Herrn v. Berger zwar nicht der Tod Mahlers, wohl aber sein Nachruf überraschend kam. In einem Staate, dessen Katholizismus das Gefühl und nicht die Konvention beherrscht, wäre ein Hofbediensteter, dem solche honorierte Abscheulichkeit im Dienste der Presse nachgewiesen wurde, nicht eine Stunde länger auf seinem Posten. Wilbrandt, ein Vorgänger des Herrn v. Berger, einer, der wohl kein direktoriales Genie war, aber das Glück eines Star-Ensembles hatte, einer, der gewiß nicht seine Persönlichkeit hervortreten ließ, aber dafür auch nicht im Hintergrund geschwätzt hat, ist in Rostock gestorben. Hier kam einmal der Tod überraschend. Er war nicht von journalistischer Hand vorbereitet. Da man von Wilbrandts Erkrankung nichts gehört hatte und die Entfernung immerhin ein Hindernis ist, ging es relativ sauber zu. Herr v. Berger hatte nichts vorrätig. Er mußte sich um neun Uhr abends hinsetzen und den Nekrolog fürs Morgenblatt schreiben. Er war — so fand ihn der Abgesandte —, »auf das tiefste erschüttert und vergoß Tränen um seinen Freund und Kollegen«. Es umstanden ihn aber auch die Vertreter aller andern Wiener Blätter und wollten einen Nachruf. Hier nun bewies er wirklich, dass er zwar kein Mark Anton sei, wohl aber ein Julius Cäsar. Für die Neue Freie schrieb er und zugleich diktierte er den andern, jedem etwas andres. Er hatte alle Hände voll zu tun. Wann kam er zum Weinen? Die Neue Freie erhielt ein Feuilleton, die andern bekamen jede eine Erinnerung, die als Beitrag des Herrn v. Berger am nächsten Morgen erschien. Nicht ein Satz wiederholte sich. Hier Wilbrandt als Dichter, dort als Förderer der Hohenfels, hier das poetische Fluidum, dort das Aroma der Persönlichkeit. Er schrieb, diktierte, weinte. Nachdem er sich gefaßt hatte, bekam die Neue Freie ein zweites Feuilleton. Der Tod Wilbrandts betrug im Ganzen vierhundert Kronen. Eine Summe, für die Herr v. Berger glatt nach Rostock zum Begräbnis hätte reisen können, umso leichter, als die Intendanz die Reisekosten bezahlt hätte. Herr v. Berger hat die Fahrt unterlassen. Er hat auch keinen Vertreter nach Rostock geschickt. Die Burgtheaterregisseure drängen sich mit ihrer Persönlichkeit nicht vor. Herr v. Berger sagte: Ich könnte schon, aber ich will nicht! Das Publikum, das zum Begräbnis Wilbrandts geladen wird, darf nicht Berger vorgesetzt bekommen. »Gerade gegenüber dem immer kühner werdenden Eindringen eines selbstherrlichen Subjektivismus ist es die Aufgabe wahrer Burgtheaterkunst, den vielleicht weniger sensationellen und die Neugier reizenden, aber darum doch wertvollen objektiven Stil zu pflegen.« Einfache Begräbnisse zu bieten, aus denen nicht der Baron Berger herausschaut! Aber auch hier bleibt, wieder eine Frage offen. Nämlich, ob nicht dieses gänzliche Unterdrücken der persönlichen Note Sache einer schlechten Erziehung ist. Und ob es nicht geradezu aufreizend ist, diese taktvolle Zurückhaltung beim Begräbnis eines ehemaligen Burgtheaterdirektors mit »Amtsgeschäften und Repertoirrücksichten« zu entschuldigen und sich zugleich seine Pietät von der Neuen Freien Presse honorieren zu lassen. Herr v. Berger, der dem Begräbnis des Burgtheaters persönlich beiwohnt, konnte keinen seiner Regisseure nach Rostock entsenden, weil er die »Rote Robe«, den »G'wissenswurm« und »Anna Karenina« aufzuführen hatte. Wilbrandt, der die Amtsgeschäfte und Repertoirrücksichten des Burgtheaters gekannt hat, war bescheiden genug, im letzten Spielmonat der Saison zu sterben, wodurch er hoffen konnte, seinem Freunde Berger Gelegenheit zu geben, ein wenig aus dem Hintergrund hervorzutreten. Auch durfte er glauben, dass es bei dem Defizit des Burgtheaters auf die Reisekosten nicht mehr ankommen werde. Er hat sich getäuscht. Ein Regiment sendet eine Abordnung, wenn ein früherer Kamerad in einer anderen Stadt begraben wird; Herr v. Berger ist entschlossen, siebenhundert Kilometer über Wilbrandt zu schreiben und über die Rückfahrt sprechend fortzufahren. Dem Publikum macht es nichts, der Intendanz kostet es nichts und der Neuen Freien Presse ist es lieber. So steht der Freiherr v. Berger bescheiden im Hintergrund, seiner Zeit ein Beispiel, wie man am Schreibtisch die Toten begräbt und im Konversationszimmer ihr Werk fortsetzt, spricht, schreibt und diktiert, und wenn er sich nicht gerade an der Tradition des Burgtheaters festhält, so wirft ihn der Hauch eines Redaktionsdieners um.

 

 

Nr. 326/327/328, XIII. Jahr

8. Juli 1911.


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