Pro domo et mundo


Die Zeiten starben am Fett oder an der Auszehrung. Die hier will den Tod durch eine überernährte Armut foppen.

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Ich und die tagläufige Presse: wir verhalten uns wie der Regen und die Wasserspritze. Sie ist pünktlich und abwendbar.

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»Mit deinen Augen wirst du es sehen, aber du wirst nicht davon essen«. Den Ungläubigen von heute hat es sich verkehrt erfüllt. Sie essen, was sie nicht zu sehen bekommen. Das ist ein Wunder allerwärts, wo das Leben aus zweiter Hand gelebt wird: an Pharisäern und Schriftgelehrten. Die Nächstenliebe ist nicht die beste, aber immerhin die bequemste.

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Den Fortschritt vom Taygetos zum Brutapparat sieht jedes Kind.

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Das Reich ist im Stil seiner Häuser gebaut: unbewohnbar, aber schön. Man hat für Loggien gesorgt, aber man kann mit Stolz sagen, dass man die Aborte vergessen hat. Wir haben es fein: bei uns stinkts in der Loggia.

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Als das Pferd auf das Trottoir ging, sagte der Kutscher: »Jung is er halt, er muaß no lernen.« Aber nicht an mir, sagte ich! Als das Pferd auf das Trottoir ging, sagte der Kutscher: »Er is halt scho blind.« Ich möchte nur einmal im Leben an das rechte Pferd geraten!

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Ich bin bescheiden, ich weiß, mein Leben durchgeht nur die Frage: Fahrn mer Euer Gnaden? Aber es kommt auf die Geistesgegenwart an, mit der ich immer eine neue Antwort finde.

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Die halbe Zeit vergeht im Widerstand, die halbe mit dem Ärger. Die Qual läßt mich nicht zur Wahl? Doch, ich wähle die Qual.

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Ich lasse mich nicht hindern zu gestalten, was mich hindert zu gestalten.

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In Österreich lebt sichs wie in der Verwandtschaft. Sie glauben nicht an das Talent, mit dem sie aufgewachsen sind. Im Österreicher ist ein unzerstörbarer Hang, den für klein zu halten, den man noch gekannt hat, wie er so klein war. Was kann an einem dran sein, den ich persönlich kenne? denkt der Österreicher. Er hätte recht, wenn er nicht eins übersähe, das freilich so gering ist, dass es sich leicht übersehen läßt: den geringen Gebrauch, den der Andere von der Bekanntschaft macht.

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Blind durch den Kosmos verschlagen, wüßte ich doch sogleich, wo ich stehe, wenn man mir die Aufschrift entgegenhielte: Dreißigjähriges Jubiläum des Hühneraugenoperateurs im Dianabad.

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Jetzt hab ich den Unterschied: In andern Städten muß man im Wagen sitzen, um ans Ziel zu gelangen. In Wien hat man das Ziel, im Wagen zu sitzen. Es kommt aber auch nicht einmal darauf an, zu fahren, sondern vielmehr zu zeigen, dass man ein Herz fürs Lohnfuhrwerk hat.

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Manchmal spüre auch ich etwas wie eine Ahnung von Menschenliebe. Die Sonne lacht, die Welt ist wieder jung, und wenn mich heut einer um Feuer bitten tat, ich bin imsta'nd, ich weiß nicht, ich ließet mich nicht lang bitten, und geberts ihm!

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Dem Bedürfnis nach Einsamkeit genügt es nicht, dass man an einem Tisch allein sitzt. Es müssen auch leere Sessel herumstehen. Wenn mir der Kellner so einen Sessel wegzieht, auf dem kein Mensch sitzt, verspüre ich eine Leere und es erwacht meine gesellige Natur. Ich kann ohne freie Sessel nicht leben.

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Eher gewöhnt sich ein Landpferd an ein Automobil, als ein Passant der Ringstraße an mich. Es sind schon viele Unglücksfälle durch Scheuwerden vorgekommen.

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Restaurants sind Gelegenheiten, wo Wirte grüßen, Gäste bestellen und Kellner essen.

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Wahrlich, ich sage euch, eher wird sich Berlin an die Tradition gewöhnen als Wien an die Maschine.

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In einem Trödlerladen kann ich nicht wohnen. Lieber bin ich beim Parvenü zu Gast, der imstande ist, die ganze alte Kultur zu kaufen.

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Die Ästheten hatten es sich eingeteilt. Dem Doktor Arthur gehörte das Sterben, dem Richard das Leben, dem Hugo die Votivkirche mit dem Abendhimmel, dem Poldi die Ambrasersammlung und dem Felix alles das zusammen und noch viel mehr und auch die Renaissance.

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Der Österreicher hat wohl deshalb das Gefühl, dass ihm nichts geschehen kann, weil ihn das Bewußtsein, auf dem Aussterbeetat geboren zu sein, vor Überraschungen behütet. Es berührt wehmütig zu sehen, wie die individuelle Arbeit überall von der maschinellen verdrängt wird. Nur die Defloratoren gehen noch herum, das Haupt erhoben, von ihrer Unersetzlichkeit überzeugt. Genau so haben vor zwanzig Jahren die Fiaker gesprochen !

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Im neuen Leben muß irgendwie ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage begründet sein. Es wäre sonst nicht möglich, dass so häufig ein somatisches Gespräch von der Frage unterbrochen wird, ob man eine Zahnbürste kaufen wolle.

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Eine Zigarre, sagte der Altruist, eine Zigarre, mein Lieber, kann ich Ihnen nicht geben. Aber wenn sie einmal ein Feuer brauchen, kommen Sie nur zu mir; die meine brennt immer.

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Er hatte eine Art »Zahlen!« zu rufen, dass es der Kellner für eine Forderung hielt und erst recht nicht kam.

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Das Konversationslexikon hat vor dem Vielwisser eines voraus: den Stolz. Es verhält sich reserviert, es wartet ab und es gibt nie mehr als man will. Es begnügt sich mit der Antwort auf die Frage, wann Amenhotep geboren wurde. Der Vielwisser blättert sich selbst um und gibt sofort auch über die Amöben Auskunft, über den Amperemesser, die Amphyktionen, die Amphoterodiplopie, über die Amrita, den Göttertrank der indischen Lehre, die Amschaspands, als welche die sieben höchsten Lichtgeister der persischen Religion sind, den Amschir, bekanntlich der sechste Monat des türkischen Kalenders, über das Amulett (vom arabischen hamala), über das Amygdalin, den eigentümlichen Stoff der bittern Mandeln, welcher, mit Emulsin (s. d.) in wässeriger Lösung zusammengebracht, Blausäure, Bittermandelöl und Zucker liefert, und über die bekannte Amylacetatlampe, und ist imstande, bei Anaxagoras, gerade wo es am interessantesten wird, abzubrechen. Man ist dann doch unbefriedigt. Bei einem Ohr herein, beim andern hinaus: da wäre der Kopf noch immer eine Durchgangsstation. Was ich höre, hat bei demselben Ohr hinauszugehen.

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Der geistige Mann muß einmal zu dem Punkt kommen, wo er es als den Eingriff einer fremden Person in sein Privatleben empfindet und den Wunsch hat, dass sie ihre Neugierde wo anders befriedigen möge.

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Wenn Polemik nur ein Meinungsstreit ist, so haben beide Unrecht. Anders, wenn der eine die Macht hat, Recht zu haben. Dann hat der andere nicht das Recht, Recht zu haben. Keine Kunst bedarf so sehr der Natur, die sie ermächtigt, wie die Polemik. Sonst ist sie ein Streit, der, auf die Gasse getragen, gegen die guten Sitten verstößt. Sie ist wahrlich ein Exzeß, den der Rausch nicht entschuldigt, sondern rechtfertigt.

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Der Lyriker erstaunt jedesmal von neuem über ein Rosenblatt, wiewohl es dem andern gleicht, wie ein Rosenblatt dem andern. So muß der Satiriker jedesmal von neuem über eine Ungleichheit staunen, und möge sie der andern gleichen, wie eine Häßlichkeit der andern. Und er kann sogar aus einer und derselben hundert Gedichte machen.

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Dient ein Name der satirischen Wirkung, so wird gern eingewendet, der Mann könne für seinen Namen nicht. Der Mann kann aber auch für seinen Talent-Mangel nicht. Und doch möchte ich glauben, dass er für diesen gezüchtigt werden muß. Nun würde man wieder einwenden, dass auch ein Genie so heißen könnte. Das wäre aber nicht wahr. Oder vielmehr wäre der Name dann nicht lächerlich. Hinwiederum könnte eine satirische Laune selbst an dem Namen Goethe, wenn ihn ein Tölpel geführt hätte, ein Haar finden. Wie an den Großen alles groß ist, so ist an den Lächerlichen alles lächerlich, und wenn ein Name eine Humorquelle eröffnet, so trägt der Träger die Schuld. Er heißt mit Recht so, und wenn er aus Verzweiflung in ein Pseudonym flüchtet, so wird ihn der Spott auch dort zu treffen wissen.

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Was man mir als Einwand bringt, ist oft meine Prämisse. Zum Beispiel, dass meine Polemik an die Existenz greift.

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Ich habe gegen die Romanliteratur aus dem Grunde nichts einzuwenden, weil es mir zweckmäßig erscheint, dass das, was mich nicht interessiert, umständlich gesagt wird.

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Der Leser glaubt, dass ich mich über ihn lustig machen wolle, wenn ich ihm das Gedicht vom Tibetteppich empfehle. Als ob ich ihm nicht, wenn ich mich schon über ihn lustig machen wollte, lieber das Gedicht vom Fichtenbaum empfohlen hätte. Warum aber sollte ich mich denn über den Leser lustig machen? Ich nehme ihn viel ernster, als er mich. Ich habe nie dem Leben vorzuwerfen gewagt, dass es sich mit der deutsch-freisinnigen Politik oder der doppelten Buchhaltung über mich lustig machen wolle. Wenn der Ernst des Lebens wüßte, wie ernst das Leben ist, er würde sich nicht erfrechen, die Kunst heiter zu finden.

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Immerhin haben wir siebzig freisinnige Abgeordnete. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass es nur noch zehn Tagpfauenaugen gibt.

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Der Bürger duldet nichts Unverständliches im Haus.

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Man staunt nicht mehr über das Wunder der Schöpfung. Aber noch hat man nicht den Mut es zu erklären, und Gott selbst vermöchte das nicht. Wie Kunst entsteht, wird die Wissenschaft bald heraus haben. Dass die Gedanken aus der Sprache kommen, leugnen vorweg die, welche sprechen können. Denn sie haben an sich ähnliches noch nie beobachtet. Das Kunstwerk entsteht nach ihrer Meinung als Homunculus. Man nimmt einen Stoff und tut ihm die Form um. Aber wie kommt es, dass sich die Seele Haut und Knochen schafft? Sie, die irgendwo auch ohne Haut und Knochen lebt, während diese nirgend ohne Seele leben können und nicht imstande sind, sie sich zu verschaffen, wenn sie wollen? Ein Satz kann nie zur Ruhe kommen. Nun sitzt dies Wort, denke ich, und wird sich nicht mehr rühren. Da hebt das nächste seinen Kopf und lacht mich an. Ein drittes stößt ein viertes. Die ganze Bank schabt mir Rübchen. Ich laufe hinaus; wenn ich wiederkomme, ist alles wieder ruhig; und wenn ich unter sie trete, geht der Lärm los.

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Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.

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Bin ich vor der Vollendung imstande einen Stümper um Rat zu fragen, so würde ich nachher keinen Meister um ein Urteil bitten.

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Meine Sprache ist die Allerweltshure, die ich zur Jungfrau mache.

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Der Schaffende und die Liebende beweisen sich in der Distanz vom Anlaß zum Erlebnis. Dem Gedanken und der Lust gemeinsam ist die Beiläufigkeit und die Unaufhörlichkeit. Aus dem Künstler und aus dem Weib kann die Umwelt machen, was sie will.

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Wenn ein Gedanke in zwei Formen leben kann, so hat er es nicht so gut wie zwei Gedanken, die in einer Form leben.

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Distichon der Geschlechter

Klein ist der Mann, den ein Weib ausfüllt, doch er kann dadurch wachsen.

Größer geworden, hat er keinen Raum mehr für sie.

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Mann und Weib können nicht über dasselbe lachen. Denn sie haben eine Verschiedenheit; und davor können sie nur ernst werden. Wenn zwischen den Geschlechtern Humor frei werden soll, so gehören zwei Weiber und ein Mann dazu. Er möchte sich mit ihnen ergötzen, aber sie ergötzen sich über ihn. Sie verständigen sich gegen ihn und er versteht die Diebssprache dieses Lachens nicht. Er beginnt sich seiner Nacktheit zu schämen.

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Das Geschlecht kann sich mit allem verbinden, was es im Himmel gibt und auch auf Erden. So mit Weihrauch und Achselschweiß, mit der Musik der Sphären und der Werkel, mit einem Verbot und einer Warze, mit der Seele und mit einem Korsett. Diese Verbindungen nennt man Perversitäten. Sie bieten den Vorteil, dass man nur des Teils bedarf, um zum Ganzen zu gelangen.

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Dem Gesunden genügt das Weib. Dem Erotiker genügt der Strumpf, um zum Weib zu kommen. Dem Kranken genügt der Strumpf.

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Raum ist in der kleinsten Hütte, aber nicht in derselben Stadt für ein glücklich liebend Paar.

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Ich mische mich nicht gern in meine Privatangelegenheiten.

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Es gibt mehr Dinge zwischen Quinta und Sexta, als eure Schulweisheit sich träumen läßt.

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Eher verzeiht dir einer die Gemeinheit, die er an dir begangen, als die Wohltat, die er von dir empfangen hat.

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Nach Goethe:

Wer Kunst und Religion besitzt, der hat auch Wissenschaft.

Wer diese beiden nicht besitzt, der habe Wissenschaft.

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Es ist gut, vieles für unbedeutend und alles für bedeutend zu halten.

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Die Woche lang mag man sich vor der Welt verschließen. Aber es gibt ein penetrantes Sonntagsgefühl, dem man sich in einem Kellerloch, auf einer Bergspitze, ja selbst in einem Lift nicht entziehen kann.

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Das Wiener Leben ist schön. Den ganzen Tag spielt eine Flöte auf mir.

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Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.

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Ich arbeite Tage und Nächte. So bleibt mir viel freie Zeit. Um ein Bild im Zimmer zu fragen, wie ihm die Arbeit gefällt, um die Uhr zu fragen, ob sie müde ist, und die Nacht, wie sie geschlafen hat.

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Menschsein ist irrig.

 

 

Nr. 326/327/328, XIII. Jahr

8. Juli 1911.


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