Der im Grunewald


scheint Selbstmordabsichten zu haben. Der ewigen Vorwürfe überdrüssig, dass seine Advokaten nicht dichten können, griff er zu Goethe und füllte seine Hefte mit Lyrik, von der er behauptete, sie sei die Arbeit eines von hemmungloser Reimwut — oder so ähnlich — befallenen Stümpers. Er stehe Goethe hochachtungvoll gegenüber, aber zuweilen — Nun, ist es schon an und für sich eine Lumperei, die Augenblicke, in denen selbst Homer schläft, zu einem Überfall ausnützen zu wollen, so wird sie auch noch zur Dummheit, wenn sich herausstellt, dass Homer gerade in diesen Augenblicken gewacht hat, und die Empörung weicht einem homerischen Gelächter. Darüber Worte zu verlieren, dass Goethe im flüchtigsten Nebenbei ein größerer Lyriker ist als Suse in der Hauptsache, hieße Athenes Vögel in die Griechenstadt tragen. Bliebe nur noch die Möglichkeit, dass er in seinen tüchtigsten Momenten sich dichterisch nicht so zusammengenommen hat wie Herr Harden, oder von der Farbenlehre nicht so viel verstanden hat. Oder die andere Möglichkeit, dass dieser jenem die Zeichnung des Wagner im »Faust« noch immer nachträgt. Wie dem auch sei, es bleibt für den ethischen Stand der deutschen Literatur charakteristisch, dass Enqueten für gekränkte Nullen wie Kerr und Harden über Nacht erstehen, während sich kein Grüppchen der von der Muse Begnadeten erhebt, wenn ein Zeitungmensch es gewagt hat, an Goethe zum Beweise von dessen Minderwertigkeit Honorar zu ersparen. Mit oberlehrerhafter Pünktlichkeit ist Herr Harden auf den sprachlich stärksten Satz des »Faust«, den jeder deutsche Literaturphilister schon benagt hat, hereingefallen: »Ein großer Kahn ist im Begriffe auf dem Kanale hier zu sein.« Das gefällt ihm nicht. Das ist ihm, versteht sich, nicht einfach genug. Zu unbeholfen. Er würde vielleicht sagen: »Ein großes Schiff kommt«? Mit nichten, noch einfacher: »Ein im Riesenmaß gebautes Wandelwasserfahrzeug (ahmt es den Stevenputz nicht der gondola, in der der Venetianerdoge sich der Meerbraut band?) wird, wenn nicht das Aug des Türmers, des in die schwerste Entfernungrechnung gewöhnten, unser Hoffen, das oft Getrogene, mit einem Wahnbild narrt, mählich, von einem starken Lenkerwillen dem Sichtpunkt genähert, in der Rinne hier das Sonnensegel entspannen.«

 

 

Nr. 324-25, XIII. Jahr

2. Juni 1911.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen