Für Männer


aber ist es höchste Zeit, sich zu regen. Darum sind auch sie neuestens entschlossen, ihre Zustimmung zu einem Leitartikel auszudrücken. Und alle finden eine offene Tür bei der Neuen Freien Presse. Das Unglaubliche ist, dass sich nie jemand in ihr getäuscht hat und dass sie selbst noch immer nicht auf die Vermutung gekommen ist, dass alle diese Zustimmungsschreiben von mir verfaßt sein könnten. Ganz unwahrscheinlich ist zum Beispiel die Geschichte, die sich neulich zugetragen hat und die man betiteln könnte: Die Amsel und der Großindustrielle. Dieser, ein kaiserlicher Rat aus Salzburg, ist von einem Leitartikel ganz berauscht, das weiß man aber nicht gleich, sondern er beschreibt eine Frühlingsstimmung:

Es ist Sonntag! Ein herrlicher, warmer, köstlicher Frühlingstag. Ich sitze vor unserem Hause bei der Fabrik im Garten und genieße aufatmend die Ruhe des stillen erquickenden Nachmittags. Kein Telephon-geklingel, keine Post, kein Gerassel, keine schnurrenden Räder ... nichts als Ruhe — göttliche, beglückende, wonnige Ruhe! Wie das wohltut! Gleichmäßig plätschernd murmelt leise der Fabriksbach. Auch er feiert, treibt keine Turbine. Üppiges Grün überall. In feuriger Pracht leuchtet der duftende Flieder. Drüben auf der hohen Tanne sitzt eine Amsel und flötet in dunklem warmen Alt ihr Feierlied. Ich lege die Zeitung beiseite und höre ihr zu.

Nun, das sind doch wenigstens andere Töne als »Der Freiheit eine Gasse«, wie die Weiber singen. Also nichts stört ihn, die Amsel singt, er hat die Zeitung weggelegt und hört ihr zu. Der Amsel. Wo bleibt aber die Zustimmung zum Leitartikel? Gerade darin ist sie. Sie braucht zunächst Stimmung, um dann das Eigentliche, das Politische zu sagen. Die Weiber gehn gradaus aufs Ziel, die kaiserlichen Räte sind von Natur weicher, lyrischer und kommen immer erst durch das Sonntagsfeuilleton zum rauhen Ernst des Lebens. Also die Amsel flötet auf der Tanne und er hört ihr zu. Was bewegt ihn?

und höre ihr zu. Zum so und sovielten Male habe ich eben Ihren »Offenen Brief an Seine Durchlaucht Adolf Josef Fürst Schwarzenberg« gelesen. Und heut an diesem stillen, sonnigen Ruhetag, ganz nur Ihren männlich kraftvollen, ehrlich flammenden Worten hingegeben, habe ich das unstillbare Verlangen ..

Er hat deshalb das Verlangen, weil im Abendblatt vom 13. d. zwar schon der Dank einer klugen, energischen Frau erwähnt war, aber nur flüchtig. Er hat die Empfindung,

dass Ihr sich exponierendes Eintreten für unsere gesetzlich festgelegte und verbürgte Freiheit, für unsere heiligsten Güter, Ihre zündende Entrüstung, die sich vereint mit dem auflodernden Proteste ..

Nicht nur so im Vorübergehen darf das abgetan werden. Den Artikel hat ein Professor geschrieben, und das will etwas heißen —

Nicht nur so nebenher soll ein schnelles Wort der Anerkennung fallen, sondern ich glaube, dass Ihr bewunderungswürdiger Mut, hochverehrter Herr Professor, und Ihre aufrechte Gesinnung verdient, dass einer hinaustritt ins helle Sonnenlicht in aller Form und Ihnen dankt, heiß und innig dankt im Namen aller, denen Sie aus dem Herzen gesprochen! »Herrlich«, »Prächtig«, »Haben Sie den famosen Artikel gelesen?« u. s. w. flogs wie ein Lauffeuer durch die Reihen der Freiheitlichen, als Ihr »Offener Brief« erschienen war ....

Der Tag hat so schön begonnen. Aber nun:

Wir gehen schweren Zeiten entgegen, Herr Professor. Schwarze, mächtige Wolken ziehen herauf. Mir graut vor der Zukunft. Aber furchtlos und treu wollen wir uns um die Fahne der Freiheit scharen, ausharren im gerechten Kampfe, unentwegt vorwärts trachten, der Sonne entgegen .. Ihr sehr ergebener Hermann Gessele.

Die Rosenberg wird enttäuscht sein. Der Freiheit nur ein — Und da kann nicht einmal ein breiterer Hut durch!

 

 

Nr. 324-25, XIII. Jahr

2. Juni 1911.


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