Der Ankläger


»Mahler ist ein Beispiel dafür, wie viel Kraft sich versprüht, wenn sie vom Boden, vom Milieu fortgerissen wird .. Da muß er von Ärzten, die ihm als fremd gegenüberstehen, fremde Behandlungsmethoden erdulden, bis ihn die rasche Entschlossenheit seiner Umgebung befreit. Dann diese Heimfahrt des Schwerkranken eine ganze Nacht und fast einen Tag hindurch in einem Waggon, der nicht für einen Kranken berechnet ist .. Ein Genie aus einem guten Staate ist nicht so den äußeren Zufällen des Lebens ausgesetzt. Es hat eine Heimat, in der es schaffen und sich regen kann. Jetzt, da es schon sehr spät, sucht man die früheren Sünden gutzumachen. Adressen und Wünsche für Genesung werden dem Kranken zugesendet, der sie wahrscheinlich nicht liest. Jetzt erinnert man sich, dass er 'unser war'. Im übrigen muß zugestanden sein, dass alle, die dem Meister heute ihre ehrlichen Wünsche weihen, es empfunden und das Empfinden geäußert haben, dass man in Mahler einen Großen besitzt .. Nein, die jetzt seinem Leiden mit mehr als rein menschlicher Teilnahme zusehen, üben dabei keine heuchelnde Reue. Die anderen haben ihn vertrieben, die jetzt stumm sind und früher, da sein Genie in heller Blüte stand, laut sprachen, die ihr ganzes Kraftgefühl darin sehen, dass sie es wieder einmal zustande bringen, Österreich ärmer zu machen. Österreich hat jetzt die Ehre, dass Mahler sich mit seinen letzten Wünschen wieder dahin sehnte, dass er es betonte, wohin er gehört. Aber wahrlich, es hat nicht alles getan, um diese Ehre zu erlangen.«

Sagte das Neue Wiener Journal, nachdem es die Mahler-Hetze organisiert hatte.

 

 

Nr. 324-25, XIII. Jahr

2. Juni 1911.


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