Freilich


hat Herr Reinhardt die Korrespondenten durch Unfälle dermaßen verwöhnt, dass es kein Wunder ist, wenn sie ihm in der Geschwindigkeit auch noch jene zuschreiben, an denen Herr Bonn das alleinige Verdienst hat. Das Gesetz, auf das sich Herr Reinhardt gegenüber der Polizei beruft, ist das Gesetz der Serie. Nicht jenes, das die abergläubischen Theaterleute meinen, wenn nämlich ein Stück, das am ersten Abend gefällt, mehrere Male hintereinander aufgeführt wird. Das soll bei Herrn Reinhardt zwar auch vorkommen, aber die Wiederholung des Ereignisses soll hier durch die seltsame Tatsache erzielt werden, dass bei gleichbleibendem Theaterzettel die Besetzung wechselt. Nun hat es sich allerdings herausgestellt, dass durch all die Zeit der unaufhörliche Wechsel der Besetzung nicht allein wegen der Kostspieligkeit jener ersten Kräfte, die nur am ersten Abend spielen, notwendig wurde, sondern auch aus tieferen Gründen. Sei es, dass eine Retorte explodierte oder eine Treppenblende umgeworfen, sei es, dass der Famulus am Nasenbein verletzt wurde oder die Büßerin an der Stirne, der unerschöpfliche Reichtum dieses Ensembles blieb immer ein Gegenstand der kritischen Bewunderung, und während die plötzliche Indisposition eines Darstellers andere Bühnen in Verlegenheit bringt und die Direktionsnotiz von der Berufung eines Gastes spricht oder günstigsten Falles besagt: »Für Fräulein X, die unpäßlich wurde, mußte Fräulein Y einspringen, die schon in der vorigen Saison bei einer Vorstellung des 'Faust' erfolgreich mitgewirkt hatte«, so wird hiermit unverkennbarem Stolz gemeldet: »Fräulein Ghiberti trug nur eine leichte Verletzung davon. Für sie sprang Fräulein Rothe ein, die in der vorigen Saison bei einer Vorstellung des ersten Teiles des 'Faust' Brandwunden erlitten hat«. Die Aufmerksamkeit ist von den Durchfällen auf die Unfälle abgelenkt, und während die Polizei das Referat übernimmt, bleibt die Presse von den Effekten des Herrn Reinhardt geblendet. Wann immer im Deutschen Theater ein Unglück geschieht und träfe es auch im letzten Winkel den letzten Statisten, Trost ist sofort zur Stelle, und die Direktion scheut keine Opfer, um den Angehörigen ihre Fürsorge zu beweisen. »Ein Beamter des Deutschen Theaters«, so telegraphiert man der Neuen Freien Presse, »suchte in später Nachtstunde die Angehörigen des Verunglückten im Automobil auf, um sie von dem Unfall zu benachrichtigen«. Die Berliner Presse hat für die Mitteilung keinen Raum, ihr hartherziges Publikum hätte für dergleichen kein Interesse. In der Stadt des goldenen Herzens jedoch, in der die Bevölkerung ihr Staunen über die Entwicklung der Verkehrsmittel noch immer in dem Liede: »Jessas, der fahrt a am Radl!« bekundet, muß es Eindruck machen. Man denke, im Automobil und in später Nachtstunde! Wenn sich auch in Berlin noch kein Mensch darüber Gedanken gemacht hat, dass er oder ein anderer im Automobil fährt, so darf man doch nicht vergessen, dass Wien Wien ist, wie hierzulande jeder Trottel einwendet, dem man eben daraus einen Vorwurf gemacht hat. Man bedenke, die Nachttaxe! Mit Recht wäre man dafür wieder in Berlin erstaunt, wenn bei einem Burgtheaterunfall im Berliner Tageblatt zu lesen wäre, dass die Direktion einen Beamten im Automobil zu den Angehörigen geschickt habe, da man doch bestimmt in allen Kreisen darauf gerechnet hätte, dass es ein Einspänner wäre, dessen Kutscher aber infolge später Nachtstunde bereits im Wagen schlief, so dass die Direktion die Angehörigen nicht verständigen konnte und der Statist, ohne sie wiedergesehen zu haben, starb.

 

 

Nr. 321/322, XIII. Jahr

29. April 1911.


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