Ein scheu gewordener Korrespondent


(Ein Unfall bei Reinhardts Zirkusprobe.) Aus Berlin, 14. d., wird uns telegraphiert: Als bei der gestrigen Generalprobe zu »König Heinrich IV.« im Zirkus Busch der Totenzug Heinrichs IV. einziehen sollte, scheuten vier Pferde des Leichenwagens und drängten den Wagen gegen die Stadttordekoration des Ausganges. Die ganze Dekoration stürzte auf den Zug herab, doch kamen glücklicherweise Personen dabei nicht zu Schaden. Nachdem die Trümmer weggeschafft worden waren, wurde die Probe fortgesetzt.

So setzt sich die Katastrophe im Fremdenblatt fort. Sie spielte sich nicht bei Reinhardts, sondern bei Bonns Zirkusprobe ab, es war keine Generalprobe zu Heinrich dem Vierten, sondern zu Richard dem Dritten, und in Heinrich dem Vierten kommt nicht der Totenzug Heinrichs des Vierten vor, sondern in Richard dem Dritten der Totenzug Heinrichs des Sechsten. Aber sonst ist alles gesund und niemand außer dem Korrespondenten des Fremdenblatts zu Schaden gekommen. Die Unfälle, die er im politischen und Handelsgebiet erleiden mag, sind nicht auszudenken. Sie beeinflußen das Urteil der Wiener Regierungskreise, die sich mit Vorliebe aus dem 'Fremdenblatt' orientieren. Wie leicht können da Verwechslungen zwischen Wilhelm I. und Wilhelm II. unterlaufen, und was tut man, wenn infolge einer irrigen Nachricht die ganze Dekoration der Nibelungentreue herabstürzt?

 

 

Nr. 321/322, XIII. Jahr

29. April 1911.


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