Auch dort bin ich sehr intim


Auf dem Hofball, nachdem sich die Parvenüs verzogen hatten, ganz zum Schluß, als nur mehr die Komtesserln tanzten, mußten die Montenuovo, Saiten und Windischgraetz endlich das Gefühl haben, dass sie ganz unter sich seien. Nachdem sich aber auch die Montenuovo und Windischgraetz entfernt hatten, trällerte ein exklusiver Feuilletonist die muntere Treumannweis, hielt inne und murmelte: Wie lange noch? Es wird sich manches ändern ... Der Thronfolger soll nämlich kein Freund der plastischen Hofballberichterstattung sein. Wie wärs, wenn man da bei Zeiten mit Hohenzollern anknüpfte? Der deutsche Kronprinz ist in Wien — da ließe sich ein Versuch machen. Eine gewisse Schwierigkeit ergibt sich insofern, als man Persönlichkeiten, die mit der deutschen Politik irgendwie zusammenhängen, nicht gut ohne Anklänge an den Stil des Herrn Harden beschreiben kann. Da ist es notwendig, dem Zeremoniell, nach welchem hinter dem »Hofeinspanier« immer gleich der Hoffeuilletonist kam, schlicht zu entsagen und dem mehr auf Händlerinteressen gerichteten Preußensinn — so heißt er doch — eine kleine Konzession zu machen. Das geht ganz gut. Zum Beispiel: »Für das Reichsgeschäft, dem der Kronprinz neue Kundschaft werben sollte, kommt die Reise jetzt wohl kaum mehr in Betracht«. Ein kleiner Abstecher ins Kerrische: »Die Politik wird heutzutage von den Völkern gemacht, liebe Leute«, kann nicht schaden. »Wir sind gern intim mit den Preußen, und die Intimität scheint nur größer, nur noch herzlicher, wenn der Kronprinz gar noch seine Frau mitbringt«. Nun, wenn auch nicht wir, so doch der Feuilletonist, der sich in den Mecklenburgischen Familienangelegenheiten so gut auskennt, wie in seiner Westentasche, nämlich in den Habsburgischen, und der die deutsche Kronprinzessin sofort »Maus« nennt. Aber eigentlich sind es die Angelegenheiten des Herrn Harden: »Seit der Königin Luise wieder die erste Mecklenburgerin, die im Berliner Kronprinzenpalais wohnt. Aber in bedeutend angenehmeren Verhältnissen. Luisens Gemahl fand ein zerrüttetes, durch Maitressenwirtschaft und Günstlingherrschaft ausgebeutetes Preußen vor, zerbrach sich den Kopf, wie er die neunundvierzig Millionen Schulden seines hochseligen Herrn Vaters zahlen werde, von dem Massenbach geschrieben hatte: ... Und Luisens Gemahl sagte, als er nach solchen Vorgängen den Thron bestieg.... Cäciliens jugendlicher Ehemann, der ja nun auch wieder Friedrich Wilhelm heißt, hat das nicht notwendig .... Die Wirtschaft im Land und im Hause ist musterhaft, und die Mecklenburgerin hat ihm mehr Millionen als Mitgift gebracht, als Luisens Schwiegervater an Schulden hinterließ.« Man sieht, wir haben an Preußen ein s im Genitiv verloren, aber dafür ein paar Zitate und Wendungen abgetreten bekommen. Aber jedenfalls können wir dort sehr intim sein. Cäciliens Mutter — wenn sie nach Berlin zu Besuch kommt, »sieht mans doch lieber, wenn sie im Hotel als wenn sie im Schloß wohnt«. Der Lakai, ders Herrn Harden gesteckt hat, hat nicht geahnt, dass dieser es weiter geben werde. Die »Kronprinzeß« aber zu beschreiben, war nicht schwer. Was sich jeder an den fünf Fingern abzählen konnte, ist eingetroffen. Sie hat natürlich ein Stupsnäschen. Hier reicht der Sprachschatz, der die Komtesserln beteilt, vollständig aus. Vor allem ist dieses Gesicht »zärtlich«. Seine Wirkung »faßt sich augenblicklich in ein Wort, in ein zärtliches, aber auch zutreffendes und bezeichnendes Wort: Maus!.. Halten zu Gnaden.« Dazu selbstverständlich fallende, schmale Schultern. Zum guten Ende wirds wieder ganz österreichisch. Von Fürsten werde nicht mehr verlangt als »ein bischen nett sein«... Maus! Halten zu Gnaden: das ist das deutsch-österreichische Bündnis im Stil eines perfekten Feuilletonisten, der künftig auf zwei Hofbällen zu tanzen haben wird. Schönbrunn und Potsdam — der Weg läßt sich abkürzen. Für den Wiener Hof bleibe die gewisse schlamperte Grazie gewahrt, die theresianische Anmut und die feudale Feschität, die sich in der Gegend der Mariatheresienstraße und Liechtensteinstraße leicht erlernt, die der klerikalen Note des Schottenrings nicht entbehrt und jenen italienischen Einschlag verrät, der in Renaissancenovellen aus der Gonzagagasse so gut zur Geltung kommt, um sich schließlich in der Grundgesinnung des Franz Josefskai zu bewähren. Für Kronprinzen-Besuche: Nu man flink zurück durch die Adlergasse in die Kolingasse!

 

 

Nr. 321/322, XIII. Jahr

29. April 1911.


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