Eine sagenhafte Figur


ist dieser leibhaftige Reinhardt, der, wegen sinkender Berliner Nachfrage, in den Spalten der Wiener Presse Tag für Tag und speziell Abend für Abend geistert. Da wird unaufhörlich erzählt, dass er plant, wenn er nichts tut, sich begibt, wenn er geweilt hat, erwartet wird, wenn er nicht kommt, vermutlich eintrifft, wenn er ausbleibt, und »Gerüchte«, dass er etwas inszenieren werde, was er nie inszenieren wird, wiegen heute die Sensation auf, die ehedem entstand, wenn er etwas inszeniert hatte. Fledermaus, Zeileis, Pariser Leben, Trapezunt, Helena — denn er ist natürlich an der Offenbach-Renaissance interessiert —, und immer wieder versichert die Direktion des Theaters in der Josefstadt, dass sie eine direkte Verständigung von ihm, dem Direktor, noch nicht erhalten habe. Wäre das erst der Fall, so wäre ja des Aufsehens kein Ende; es genügt, dass er sich inzwischen von Riga nach Berlin begeben hat und vermutlich einmal daselbst eintreffen wird, von wo dann nach Wien Gerüchte dringen könnten, dass das Seminar weiterbestehen werde, wenngleich man noch nicht weiß, wie. Aber das allein ist schon viel. Das Gelingen dieser Bestrebungen ist so fraglich wie seine dementsprechenden Entschließungen, und selbstverständlich sind es vorläufig nur Erwägungen da man seine Entschließungen abwarten muß. Denn die Lage des Seminars, das ist jetzt wichtiger als ehedem die Lage der Deutschen in Österreich. Wenn nur das Seminar erhalten bleibt! Weitere Mitteilungen über eine eventuelle Weiterführung werden nicht gemacht, aber nähere. Und dies und das und noch etwas. Pirandello wird er inszenieren, aber die Proben hiezu werden gegenwärtig von Regieschülern geleitet (was im Grunde ebenso viel wert ist), während sechs Direktoren und zwölf Bevollmächtigte den Herrn Professor suchen, sämtliche Dramaturgen aufwarten und Filmmagnaten herumstehn in Erwartung der Dinge, die da nicht kommen werden. Die Spannung hat umsomehr für sich, als das Resultat ein Tineff wäre, und darum ist es jetzt so eingeführt, dass wenigstens die Spannung auf dem Repertoire bleibt. Dazu kommen unerhörte Vorbereitungen für das Freilichttheater in Leopoldskron, wo er »die Traditionen aus der firmianischen Zeit wieder aufleben lassen wird«. Schon schwingt der weiche, elastische Boden, wenn man über ihn hinschreitet, unter den Füßen. Wasseradern werden gezogen, mythologische Figuren werden waggonweise herbeigeschleppt, in Grotten werden Najaden und Schmöcke hausen. Ganz faustisch wird es, Reklamien und Problemuren schaufeln bereits. Mitten durch alle diese Vorbereitungen schrillt die Frage

Reinhardt inszeniert in Wien Stella?

Gerüchte schwirren, aber es läßt sich augenblicklich nicht entscheiden, ob es sich

nicht bloß um Vorbesprediungen handelt

die er in Wien »im Hinblick auf seine Salzburger Inszenierung« führen wird. Macht nichts. Sicher ist, dass er auch noch nicht einmal den Plan hat, sondern diesen bloß »erwägt«. Wenn das Seminar fortgesetzt wird, will er, hoch oben wie er ist, noch höher hinaus, nämlich

seine jetzige Wohnung in der Hofburg gegen eine andere Wohnung im Schloß Schönbrunn vertauschen.

Warum nicht, recht hat er. Doch selbst das weiß man noch nicht, wiewohl es viel für sich hat. Nichts steht fest, alles fließt. Im ganzen Umkreis dieser Gestalt scheint mir nur die Zeugenaussage, die er im Kerr-Prozeß abgelegt hat, einigermaßen konsistent zu sein. (Im übrigen wird sich die europäische Kultur einmal schämen, dass sie für den Posten des Cagliostro keine bessere Besetzung hatte.)

 

 

Mai 1931.


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