Vorwort:


Die heutige Vorlesung bringt Bruchstücke aus zwei nie gespielten Dramen. Beide die Bloßstellung der unter dem Fluch der Wohltat hinfälligen Menschennatur, die hier — in Shakespeares Timon — als Undank, dort — in Nestroys Nachtwandlern — als Unersättlichkeit gegen das Opfer des reichen Herzens aufbegehrt. Beide, indem sie, Hülle auf Hülle abnehmend, bis zum faulen Kern dringen, auch darin vergleichbar, dass jedes in einer Tafelszene gipfelt, die wie ein Strafgericht im »Timon« die Erkenntnis triumphieren, in den »Nachtwandlern« die Verblendung büßen läßt. Die Bearbeitung, welche die Vorgänge bis zu diesem Punkte zusammenzieht, bemüht sich, den grundrißhaften Charakter dieser Reinigung noch sichtbarer zu machen. Aber nicht nur der Vergleich der durch Pathos und Heiterkeit wirkenden sittlichen Kräfte, nicht nur künstlerische und thematische Rücksicht hat die Anreihung Nestroys an Shakespeare befürwortet: Der Vorleser übt sie mit Bedacht als die Vorführung einer klassischen Posse vor und gegenüber dem Ernst der Zeit. Denn er ist der Ansicht, dass der vernichtende Humor des hinter dem Dialekt der Harmlosigkeit, hinter Gesang und selbst trivialsten Vorwänden verkappten Satirikers, der bis heute der größte in deutscher Sprache ist, wiewohl ihn die dümmsten Menschen der Erde, nämlich die deutschen Literarhistoriker, nur als Possenschreiber registrieren, — dass also dieser beste Humor der deutschen Sprache keiner Zeit vorenthalten werden darf, weil in ihm die Kraft lebt, es mit jeder aufzunehmen und weil der ewige Witz der Lebensweisheit es nicht nötig hat, dem Ernst auszuweichen, den die Staatsweisheit zu Zeiten über die Menschen verhängt. Der Vorleser wagt, einen Spaß, den das sittliche Bewußtsein erschuf und heute verantwortet, hörbar zu machen, und er scheut sich nicht, das Lachen bei Nestroy herauszufordern in Tagen, da sich das Publikum nicht scheut, von dem unleugbaren Ernst und von der behaupteten Größe der Zeit sich bei viehischen Operetten, in der Lektüre viehischer Witzblätter, im Anblick viehischer Ansichtskarten und im Genuß sonstiger scherzhafter Auffassungen der traurigsten Dinge zu erholen. So möge das Publikum, das sich gerne nachsagen läßt, es sei ein anderes und jeder in ihm ein anderer, sich des Lachens bei einem künstlerischen Anlaß nicht schämen, der, wenn’s in der kulturell beglaubigten Welt mit rechten Dingen zuginge, mindestens so lange leben müßte, wie die Langeweile aller Zeit.

 

 

Nr. 405, XVI. Jahr

23. Februar 1915.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 04:13:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 28.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen