Jüdelnde Hasen


Es dürfte nicht allen, die die umfassende Wirksamkeit unseres Felix Saiten kennen und schätzen, bekannt sein, dass sie ihm auch noch Zeit läßt, das Weidwerk zu pflegen. Wohl wissen viele, dass es ihm gelungen ist, die Tierseele zu belauschen, aber sie würden gewiß nicht vermuten, dass der Weg zur Schreibmaschine hier durch das strapaziöse Erlebnis geführt hat, und wenn sie schon einem Legitimisten die Hantierung mit dem Schießgewehr zutrauen, so würden sie doch nicht glauben, dass ein Zionist einem Reh ein Haar krümmen könnte. Gleichwohl ist dem so, und Saiten steht dem Waldesweben, in das er manchmal mit der Flinte einbricht, näher, als es den Anschein hat und als man einem Bekenner des Moses zutrauen würde, aber jedenfalls des Mooses wegen. Wie im »Freischütz« kann er singen: »Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?«, obschon er als Autor der »Josefine Mutzenbacher« gewiß nicht den Jungfernkranz zu winden in der Lage wäre. In die Geheimnisse des Waldes eingeführt wurde er, wie es heißt, durch Bekessy, der ein gewaltiger Nimmrod vor dem Herrn war. Während unsereins, auf manch edles Wild lauernd, noch am Schreibtisch saß, sind die beiden oft durch Wald und Flur gestreift oder haben auf dem Anstand gewartet, dessen sie in ihrer publizistischen Tätigkeit entbehren mußten. Auch hätte man sich in der Hand Bekessys immer eher eine andere Waffe vorgestellt als das Rohr, mit dem auf Hirsche gezielt wird, von denen doch das, was sie zu verschweigen haben, nicht zu erfahren und nichts zu haben ist als das Leben. Saiten freilich, der differenzierteren literarischen Ansprüchen genügen muß, hat die Gelegenheit bis zum Verenden des Tieres nicht ungenützt vorübergehen lassen, um auch dessen Sprache zu erlernen. Wie nun aus dem Hasenroman, den er in der Neuen Freien Presse veröffentlicht, deutlich hervorgeht, konnte es ihm nicht schwer fallen, diese Sprache zu verstehen, denn es stellt sich heraus, dass die Hasen jüdeln. Einer von ihnen, der »Iwner« heißt, also ganz gut von Bekessy auch als Wirkwarenhändler vom Quai hätte angesprochen werden können, antwortete auf die schüchterne Frage eines Kollegen, der den Namen »Hops« führt, mit einer ganzen Reihe von Fragen. Es geht so:

— — »Und ... Er?«

Iwner blinzelte geringschätzig: »Wichtigkeit! Was tut uns schon Er? Spielt keine Rolle!«

Da muckte Hops auf: »Mna... das scheint mir doch übertrieben ... das ist unerlaubt sorglos!«

Rasch entgegnete Iwner: »Sorglos? Wer spricht von sorglos? Keine Sekunde darf man sorglos sein! Merk' dir das!«

Geduckt, das Haupt in den Vorderpfoten, murmelte Hops: »Das sage ich immer.«

»Nun?« fuhr ihn Iwner an. »Nun? Tag und Nacht, zu jeder Stunde, unaufhörlich gibt es hier im Wald Gefahr! Das weißt du doch! Drohung ist im Gebüsch, ist im freien Feld, überall und immer ist Gefahr. Dennoch leben wir! Was willst du von Ihm? Wann kommt Er schon in den Wald? Er? Wichtigkeit! Er gehört nicht zum Wald! Er ist nicht vom Wald! Man hört seinen Schritt, wenn Er noch so leise schleicht. Er ist unbeholfen. Man hat seine Witterung. Man kann ihm ausweichen. Und so selten, wie Er kommt, so ungeschickt, wie Er sich anstellt, ist Er noch am wenigsten gefährlich.«

(Fortsetzung folgt.)

Das kann gut werden. Dieser Has, der offenbar kein heuriger ist, sondern sich auskennt, redet wie ein Buch, das im Zsolnay-Verlag erscheinen wird. Und das Urteil Iwners über Ihn, dessen Schritt man hört, wenn er noch so leise schleicht, ist sicherlich berechtigt. Nichts geht doch über den Instinkt der Tiere. Aber dass sie sich sprachlich so dem Feind assimiliert haben, ist überraschend. Vielleicht eine Mimikry zum Schutz vor Verfolgung? Aber da sollte nur im Moment der Gefahr gejüdelt werden, man gewöhnt es sich leicht an; wenn sie unter sich sind, könnten sie deutsch reden. Wie immer dem sei, man ist auf die Fortsetzung gespannt. Das kann ja, wenn dann noch Er dazukommt, ein fröhliches Gejaide werden!

 

 

Oktober 1929.


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