Was ist uns Arad!


»Aus Bukarest wird gemeldet: Dem hiesigen italienischen Gesandten ist auf seiner Reise durch Ungarn ein höchst unliebsames Abenteuer passiert; er hatte in Arad die Abfahrt seines Zuges versäumt und mußte dort übernachten; kaum hatte er sich zur Ruhe begeben, als ein Herr in sein Zimmer trat, sich als Redakteur vorstellte und um ein Interview bat; der Gesandte wies dem Manne die Tür. Bald darauf erschienen zwei Herren, die sich als Sekundanten des Journalisten legitimierten, und schließlich mußte der Gesandte eine Ehrenerklärung geben, worauf er noch in der Nacht mittels Automobil eiligst Arad verließ.«

Eher läßt sich ein Interview erfinden, als das. Was immer man heute erfinden möchte, hat das Pech, outriert auszusehen, und wird im nächsten Augenblick durch eine Wahrheit ausgestochen. Ich würde mich nicht getrauen, mir vorzustellen, dass ein Hausierer, der mir öfter, wenn ich keinen Hosenträger kaufen will, aber schon gar keinen, e Stückele Englischpflaster anbietet und von mir dennoch abgewiesen wird — dass dieser Hausierer mir seine Sekundanten sendet. Ich würde nicht wagen, zu behaupten, dass man in den Abruzzen bei Verweigerung einer Geldleistung auf einen Ehrenhandel gefaßt sein könne. Es kann geschehen, es kann alles geschehen. Es ist möglich, dass ein Gesandter, der im Bett liegt, von einem Schmock gezwickt wird. Es ist aber auch möglich, dass eine Wanze nachher ihre Sekundanten sendet. Alles ist möglich. Es ist möglich, dass das Ehrgefühl größer ist als die Zudringlichkeit. Dass einer, der sich in meinem Zimmer unanständig benimmt, sich beleidigt fühlt, wenn ichs nicht leiden will — ist möglich. Es ist die Konsequenz einer aus den Fugen geratenen Welt, dass in ihr nichts unmöglich ist. Das Ding, das sich Staat nennt und das dazu berufen ist, uns vor den Unmöglichkeiten zu schützen, muß froh sein, wenn es im Chaos überhaupt noch auffindbar ist. Wer nicht Druckerschwärze zur Verfügung hat, ist verloren. Da aber allerorten nur die schlechtrassigsten Individuen auf die schamlose Idee verfallen, sich dieses billigsten Machtmittels zu bedienen, so sind die besseren Menschen rettungslos verloren. Ein Gesandter muß nachts vor einem Arader Journalisten im Automobil entfliehen, weil er die Unvorsichtigkeit hatte, ihn, aber nicht die Geistesgegenwart, auch seine Sekundanten hinauszuwerfen. Kein Hotelhausknecht, keine Regierung vermag da einzugreifeen. Ehedem fraß die Kanaille nur das Fleisch der Schauspielerinnen. Jetzt müssen ihr auch die Gesandten nachts zu willen sein. In Arad war nur die Urpremiere. Was in Arad geschah, zeigt, was in Wien möglich wäre. Die Wiener Presse bringt die Nachricht unter dem Titel: »Wie man in Arad interviewt.« Der Titel ist Heuchelei. Denn Wien unterscheidet sich von Arad höchstens dadurch, dass die hiesigen Hoteleinbrecher aus Furcht vor einem Duell sich damit begnügen würden, den italienischen Gesandten erst im Morgenblatt zu überfallen, und dass er sich schließlich doch interviewen ließe. In Ungarn zieht sich die Zudringlichkeit in die gesellschaftliche Form zurück, in Österreich retiriert sie in die Erpressung und ballt gegen einen widerspenstigen Diplomaten die Druckerschwärze, die er verschmäht hat, zum Klumpen. Wahrlich ich sage euch, es leben o-beinige Leute, in deren ungewaschener Hand die Entscheidung über Krieg und Frieden ruht, und ein Geschickter wird mit zehn Gesandten fertig. Was vermag Arad! Erst wenn Arad nach Wien kommt, zeigt es, dass sein Talent noch größer ist als sein Ehrgefühl.

 

 

Oktober 1913.


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