Made in Germany


Die Varianten, die das deutsche Gemüt aller möglichen Couleurs und Berufe schon zu Goethes erhabenen Versen beigetragen hat, werde nunmehr noch durch die folgende vermehrt, die sich im Annoncenteil des ›Prager Tagblatts‹ findet:

 

  An eine ungläubige Frau.

(Frei nach Goethe.)

 

Mit Schnitten, die Semper gibt aus,

Wird Dir das Schneidern im Haus

Unentbehrlicher Brauch.

Die Kleider tadellos sitzen!

Warte nur, bald wirst benützen

Semper-Schnitte Du auch.

 

Der Finder fragt mit Recht, warum diese Goethe-Nachdichter eigentlich noch »frei« sind. Die Herren Gesetzgeber, die sich in den verschiedenen Parlamenten räkeln, haben noch nie daran gedacht, hier so etwas wie einen Denkmalschutz zu statuieren, weil vermutlich jeder einzelne von ihnen, dessen Geistigkeit nicht über den Humor der ›Muskete‹ oder des ›Götz‹ emporragt, solche Verdreckung eines Nationalheiligtums harmlos, wenn nicht gar belustigend findet. Der deutschen Kultur kann Goethes Nachtlied gestohlen werden; demnach sie mir.

 

 

März 1926.


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