Die Cherusker in Krems


Zufolge vertraulicher Angaben hatte der Polizeibezirksleiter von Döbling Erhebungen über Vorgänge im Café Rudolfshof gepflogen. Die Anzeige besagte, dass sich im Jagdstüberl des Cafés unsittliche Vorgänge abspielen, dass sich dort eine unmoralische Stammtischgesellschaft zusammenfinde, der Geschäftsführer Anton W. einen unsittlichen Gummigegenstand herumzeige, dass sich Frauen nackt produzieren und anderes. Infolgedessen war W. vor dem Bezirksgericht Döbling wegen Übertretung gegen die Sittlichkeit angeklagt.

— — Als Zeuge wurde auch der christlichsoziale Bezirksrat Sch. vernommen. Er wurde gefragt, ob er es für möglich halte, dass W. den weiblichen Gästen »laszive Figuren« gezeigt habe. — Zeuge: Nein, er war wohl in seinen Ausdrücken etwas derb, aber so etwas habe ich nie bei ihm gesehen.

Dann marschierten die Stammgäste des Jagdstüberls auf. Sie erzählten von lustigen Unterhaltungen und Zechereien, stellten jedoch unmoralische Begebenheiten in Abrede. Der Stammgast Leopold W. teilte mit, dass sich unter den Stammgästen Abgeordneter.., Landeshauptmann.., Landeshauptmannstellvertreter.. und andere Politiker befanden.

Die Friseurin Antonie B. gab aber an, dass ihr W. einmal eine laszive Figur aus Gips gezeigt habe. Sonst wisse sie nichts. Sie habe das für einen harmlosen Scherz angesehen. — Zeugin Kathi K. erzählte: Einmal ist von W. etwas gezeigt worden, was in einer Lade aufbewahrt war. Er machte damals die Lade auf und legte den Gegenstand wieder hinein. Wir haben ihm gesagt, er solle es uns auch zeigen, und da hat er es uns auch gezeigt. — Richter Landesgerichtsrat Dr. R.: Eine Frau soll in die Lade gegriffen und dann zu ihrem Mann gesagt haben: »So, jetzt brauch' ich dich nicht!« — Angekl.: Ich habe damals sofort gesagt: »Das ist eine Gemeinheit, über meine Lade zu gehen!« Das Ding hatte ein Gast einmal vergessen und ich hatte es aufbewahrt. — — Zeugin: Es war in der Lade in Papier eingewickelt. — — Verteidiger Dr. Z.: Erinnern Sie sich, dass eine Frau dann zu ihrem Mann sagte: »Jetzt brauche ich Dich nicht mehr!« — Zeugin: »Ja.« — Dieser Vorfall wird noch von zwei Zeuginnen, Mutter und Tochter, bestätigt. Die Tochter gibt an: Es war damals eine Gesellschaft von der Wieden beisammen. Sie waren in angeheiterter Stimmung. Es waren sehr feine Leute beisammen. Es hat sich niemand entrüstet. — —

Denn nur urtanäre Leute entrüsten sich. Und darüber werden in Wien — bis zum Freispruch — »Erhebungen« gepflogen. Und es sind ganz dieselben Sumper und Biamten, die Georg Grosz anzeigen und konfiszieren. »Wir haben ihm gesagt, er solle es uns auch zeigen, und da hat er es uns auch gezeigt«, spricht die Wiener Sittlichkeit. Fürs Leben gern sich einmal anstoßen lassen, um hinterdrein Anstoß nehmen zu können. Täter und Kläger aus einem Holz. Eine Zeugen- und Zeuginnenreihe, aus der sich jene gräßlichen 306 Gesellschaften zusammenstellen lassen, die nach einem Flügelhornsolovereinsabend unvermutet ein Kaffeehaus überfluten und zwölf im Nu zusammengerückte Tische besetzen. Von dem Anblick abgesehen, machen Quietschen und Gröhlen jedes fernere Verweilen unmöglich. Die Weiber, vom Humor durchdrungen, gehen zu zweit auf die Toilette, was abermals ein Gaudium bewirkt. Alles ist feuchtfröhlich. Draußen schüttet's natürlich, man ist deshalb gezwungen, das weiter mitzumachen, was aber auch unmöglich ist, denn soeben ist einem das Wort entfahren: »Ah, sie regnet!« Immer weitere Cherusker aus Krems ziehen ein. Zwei Weiber kehren von der Toilette zurück, biegen sich vor Lachen, haben gewiß etwas Gspaßiges draußen gelesen. Die andern sagen, sie sollen es ihnen auch zeigen, und da haben sie es ihnen auch gezeigt. Ein begabter jüngerer Herr hat soeben »Tischlampe — der Schlampen« dekliniert. Die Weiber bekommen Schnackerl, die Männer stoßen auf. Man hat nicht die Empfindung, in einer Epoche zu leben, in der man schon nach Amerika fliegen kann; wiewohl man es möchte. Die dort kenne ich, es muß jene sein, welche beim Anblick des chauffierenden Negers ausgerufen hat: »Hirst, is dr der am ganzen Kirper schwoaz?« Es sind sehr feine Leute beisammen. Es hat sich niemand entrüstet. Es ist der Menschenschlag, der durch seine Politiker, Beamten, Minister unsere öffentlichen Angelegenheiten, unsere Justiz, unsere Kultur besorgt. Und es ist ein Wunder, wenn sich junge Menschen, die in das so beschaffene Leben hinaustreten sollen, nicht umbringen, ohne dass ihnen in der Schule ein Leid geschah.

 

 

Dezember 1924.


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