Wir zwei


... Im Verlaufe des Krieges war Franz Joseph, wie sich nun herausstellt, einer der wenigen, die von allem Anfang an das schreckliche Ende voraussahen.

Er und ich. Auch er konnte also von sich sagen:

Ich hab' schon am Anfang das Ende gesehn

und wußte, was nach dem Ende kommt.

Der Unterschied zwischen uns beiden ist bloß, dass ich es nicht reiflich erwogen hatte. Aber als Defaitist konnte ich ihm das Wasser reichen.

Als England den Krieg erklärt hatte, rief er aus: »Jetzt ist unsere Partie endgültig verloren; wir sind nicht imstande, uns mit England zu messen«.

Auch ich rief damals etwas Ähnliches aus, wiewohl ich es schwerer hatte als er, einer Anklage wegen Hochverrats oder Verbrechens gegen die Kriegsgewalt zu entgehen. Aber die andern alle riefen damals, dass Gott England strafen solle und einen Kaiser erhalten, der wissend, dass unsere Partie endgültig verloren sei, sie dennoch nicht aufgab. Ich behauptete sogar, dass wir nicht imstande seien, uns mit Serbien zu messen, und fand es sehr unvorsichtig von Franz Joseph, zu seinem Regierungsjubiläum (das ich nie mitfeierte; schon im Jahre 1898 wurde ich aus diesem Anlaß konfisziert) sich Belgrad zu Füßen legen zu lassen.

»Von diesem Augenblick an«, fährt Margutti fort, »bildete sich beim Kaiser die fixe Idee, dass die einzige Lösung des gigantischen Dramas der Zusammenbruch der Mittelmächte sei«.

Ich hätte ihn nie für so vernünftig gehalten und war im Gegenteil wie alle Welt davon überzeugt, dass er die fixe Idee von dem schließlichen Endsieg der Mittelmächte hatte, die zu haben er ja doch auch von seinen sämtlichen Staatsbürgern bei Strafe von Galgen oder Kerker verlangt hat. Ich hatte die fixe Idee, dass ich damals der einzige war, der felsenfest an die Endniederlage glaubte, ernst, aber zuversichtlich, wie es vorgeschrieben war, denn der Endsieg der Mittelmächte mit der Befestigung der Militärmonarchie hätte, wäre er nach Vermehrung der Opfer möglich gewesen, eine noch weit entsetzlichere Kulturpest und eine weit ärgere Bestialisierung des Friedens zur Folge gehabt. Mindestens konnte, wer im Herbst 1914 zur Menschheit hielt statt zur Lüge der Nation, von dem Vordringen der Russen eine Beendigung des Grauens erwarten. Nicht in dieser Hoffnung, aber in der Bewertung der Tatsachen, mit der ich allein zu stehen vermeinte, in der Erkenntnis der Inferiorität des Wahns gegenüber der Technik einer Welt und in dem unerschütterlichen Glauben an einen Ruin, der ihm nicht erspart bleiben würde, scheint Franz Joseph sich meinem Standpunkt genähert zu haben. Nie hätte ich geahnt, dass ausgerechnet er mit mir darin eines Sinnes war. Ich hätte sonst bei Gott nicht verstanden, warum ein allerchristlichster Monarch mit dieser Überzeugung die Menschheit hinschlachten ließ. Dies Unmaß von Blutdurst bei voller Erkenntnis der Aussichtslosigkeit aller Opfer, die er den anderen auferlegte, hätte selbst ich ihm nicht zugetraut. Und er blieb auf seinem Thron sitzen, arbeitete unermüdlich am Schreibtisch und schlief in seinem Bett. Er hatte nicht nur alles erwogen, sondern er sah auch alles voraus. Für die Welttragödie hatte er sein Szenarium. Das voraussichtliche Massensterben in den siebenbürgischen Pässen setzte er in seine Sprache um:

... Auch bezüglich Rumäniens gab er sich keiner Täuschung hin. Als ihm Margutti zu Weihnachten 1914 die Liste jener Souveräne vorlegte, an die bisher immer Neujahrswünsche gesendet wurden, sagte er bei König Ferdinand und Königin Marie: »Diese beiden Namen werden wir bald streichen müssen.«

Er hatte eben eine untrügliche Witterung für alles, was ihm nicht erspart bleiben würde. Doch wenn schon ihn kein Grauen bei dem Gedanken faßte, seine Völker für nichts und wieder nichts verbluten zu lassen; wenn schon er von keinem Hauch zu beseelen war außer dem letzten von Mann und Roß — wird eine Menschheit nicht wenigstens nachträglich wahnsinnig bei der Vorstellung des seelischen Habitus ihrer Monarchen, den ihr ein Informierter enthüllt, ihr, die das Wort der Wissenden verachtet hat? Graut ihr nicht vor der Möglichkeit, das Opfer der Legende zu werden, die ihre Monarchen als vom heiligen Feuer erfüllte Kriegsheroen abbildet, denen zuliebe sich das Durchhalten bis zum Untergang von selbst versteht? So aber sahen sie in Wahrheit aus:

Als Wilhelm II. im November 1915 nach Schönbrunn kam

— damals als er seinem Flügeladjutanten auf den Rist des Fußes trat; und hundertfach bestätigt nun sein Hofmarschall Graf Robert Zedlitz-Trützschler die nie geglaubte Wahrheit des Konterfeis, das ich von diesem irrsinnigen Scheusal gezeichnet habe, und zeigt den Abgrund von Verächtlichkeit, in dem das wilhelminische Deutschland versunken ist, im anbetenden Respekt vor Generalen, die sich von dem obersten Kriegsherrn an den Hintern greifen ließen. Und was geschah, als dieses Monstrum, verabscheut von jedem, der seinen Speichel leckte, gehaßt vom Wiener Hof, der ihm zitternd Untertan war, nach Schönbrunn kam? Da

hatten beide Kaiser, nach Marguttis Überzeugung, die Absicht, die Einleitung von Friedensverhandlungen zu besprechen. Aber der eine wartete, dass der andere die Frage anschneiden werde; aber Franz Joseph wollte nicht feig erscheinen und Wilhelm stand im Banne seiner Generäle. Und so verging die Zeit in Gesprächen über das Wetter...

Und so verging die Menschheit in dem Wetter. Liest es sich nicht wie ein Motivenbericht zu meinem Epigramm von der Nibelungentreue? Der alles reiflich erwogen hatte, was der andere nicht gewollt, wagte nicht, es sich zu überlegen. Wilhelm stand im Bann seiner Generale, die ihm Kaviarschnitten apportierten, und Franz Joseph, um nicht feig zu erscheinen, hatte nicht den Mut, mit ihm über den Frieden zu sprechen. Und wußte doch unerbittlich klar, dass der Krieg verloren sei. Nach der Wiedereinnahme von Lemberg sagte er:

»... Noch einige Siege dieser Art und wir sind am Ende; sie verlängern lediglich den Krieg. Ein solcher Krieg endet aber nicht mit einer Niederlage im bisherigen Sinn, sondern mit dem vollständigen Ruin

Goldenes Wort; aber mit unbewegter Miene für Eisen gegeben. Ungefähr wie ich als Nörgler nach Gorlice sprach. Und die andern alle mußten Optimisten sein und glauben, Franz Joseph wäre vor allen einer, und sie wären eingesperrt und hingerichtet worden, wären sie's nicht gewesen und hätten sie's nicht geglaubt. Ich vermute beinahe, dass Franz Joseph auch das Widerstreben, Kriegsanleihe zu zeichnen, mir nachfühlen konnte. Der Unterschied dürfte nur der sein, dass er sich aus finanzieller Vorsicht geweigert hat und ich aus Abscheu vor jeder Art Verbindung mit der größten Schandtat, die seit Erschaffung der Erde das Antlitz der sie bewohnenden Menschheit entstellt hat. Aber was er sicher nicht getan hat: ich habe sogar die durch einen widrigen Zufall für mich bereits erfolgte Zeichnung der ersten Kriegsanleihe ausdrücklich zurückgezogen. Ich kann, nehmt alles nur in allem, wohl behaupten, dass ich vom ersten Tag an durchaus wie mein Kaiser über den Krieg gedacht, aber mit ungleich größerer Entschiedenheit es ausgesprochen habe, so dass es heute als ein Wunder erscheint, dass ich nicht wegen Majestätsbeleidigung angeklagt wurde. Heute, da ich zugeben muß, dass ich mir das Denken Franz Josephs über den Krieg ganz anders gedacht hatte, wird meine Vorstellung von seinem Wesen umsomehr von den Konsequenzen bestätigt, die er aus seinem Denken zog und die so ganz anders als die meinen geartet waren. Er scheint die »Letzten Tage der Menschheit« ganz wie ich erkannt zu haben; aber er tat, was ich nur malte.

Kein neues Problem dürfte nach den Berichten des Generals Margutti die Gestalt des Nachfolgers hinterlassen.

... Der ganze Apparat, der unter Franz Joseph lautlos und auf die Sekunde pünktlich funktioniert hatte, verursachte nun einen ungeheuren Lärm. Befehle und Widerrufungen dieser Befehle jagten einander förmlich. »Nicht nur kostete ihm die Abänderung einer Anordnung nicht das geringste Bedenken, sondern es ereignete sich auch der viel ernstere Fall, dass er Verabredungen ohne Grund nicht einhielt, ja dass er manchmal eine gegebene Zusage einfach leugnete. Man hatte ihm für diese Fälle eine kleine Phrase zurechtgezimmert, damit er sich aus der Affäre ziehen könne. Sie lautete: Ich habe mir's überlegt; ich bin jetzt anderer Meinung.«

Charakteristisch für die nervöse Systemlosigkeit, die ihm im Blute lag, war die Art, wie er offiziell Reisen unternahm. Zwei Tage vor der für den Juni 1917 anberaumten Reise nach München und Stuttgart ging es in der Kabinettskanzlei drunter und drüber. Abgesehen davon, dass man den fremden Höfen den Besuch viel zu spät angekündigt hatte, kam Kaiser Karl wie gewöhnlich zu spät auf die Bahn. — — Als der Zug in Stuttgart einfuhr, stand der König von Württemberg natürlich bereits am Perron. Aber Kaiser Karl rasierte sich noch. Schließlich kam er, war aber noch einigermaßen mangelhaft angezogen. Beim Toast in Stuttgart vergaß er das »Hoch«. Der Kapellmeister stand minutenlang mit dem erhobenen Taktstock, um die deutsche Hymne spielen zu lassen. Schließlich gab man ihm von württembergischer Seite das Zeichen dazu.

Das mit dem vergessenen »Hoch« konnte seinem Vorgänger im Armeeoberkommando, dem Erzherzog Friedrich, nicht passieren; der hat sogar, wenn ihm am Schluß der Seite eines fehlte, umgeblättert. Das war eben noch die ältere Generation, die Zucht und Stil hatte.

Aber bei weitem schon nicht so pedantisch

war, der als letzter zu herrschen erkoren.

Seit Menschengedenken ging so dilettantisch

keine Schlacht, keine Macht, keine Ehre verloren.

Indes, solche Zerstörung der monarchischen Legende, die in Fachkreisen wie der unglückliche Ausgang des Weltkriegs eben auf die Ursache eines Dolchstoßes von hinten zurückgeführt wird, kann abgehärtete Bekenner der Monarchie nicht bekehren und wenn sie selbst Zeugen der Menschlichkeit, ja der Tierheit ihrer Monarchen wären, sie könnten, durch das Gottesgnadentum irre geworden, an ihm nicht mehr irre werden. Und öffneten sie auch der gewesenen Wirklichkeit den Blick, sie verschlössen ihn doch vor der zukünftigen und würden nach Franz Joseph und Karl es umso lieber mit dem Otto versuchen, der ja, wie wir von einem ausgewachsenen Ministerpräsidenten a. D. erfahren haben, ein goldenes Herz mit hoher Intelligenz, also just die Eigenschaften Franz Josephs und Karls vereinigt. Es wäre unbescheiden von mir, mit dem letzteren, dem Letzten, mehr als den Vornamen gemeinsam haben zu wollen. Was aber Franz Joseph anlangt, so bleiben wir zwei, bei vielfacher Verschiedenheit in Temperament und sozialer Stellung — ähnelnd einander in der unermüdlichen Arbeit —, Schulter an Schulter verbunden in der Ansicht von einem freventlich angestifteten und ach so nutzlosen Weltmord. Und ich bin wahrlich erschüttert durch die Enthüllung, dass er, der zwar die Kriegsfackel gehalten, aber bestimmt nicht gelesen hat, vielleicht der einzige Mensch in der Monarchie war, der meine Überzeugung von der Unerläßlichkeit ihres Untergangs, von der Unentrinnbarkeit des sich selbst gestellten Ultimatums von allem Anfang an geteilt hat. Mir bleibt doch nichts erspart.

 

 

Januar 1924.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
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