Bruder Wilram


fehlt nicht bei allen Festen. So hat er sich zur Feier des 30. Jahrestages der Gründung der Reichspost, der dieses Ereignis auch Gelegenheit bot, zugleich dem Allgemeinen österreichischen Katholikentag zu huldigen und sich auf Kosten der Wiener Judenbanken hoch leben zu lassen, mit einem »Gruß« eingestellt. Neben Hochwürden Kernstock der draufgängerischeste Seelsorger und blutigste Dilettant der Weltkriegslyrik, kann er nun nach vollbrachtem Werk über die Atmosphäre, deren Wohlgeruch ihn einst begeistert hat, wie folgt urteilen:

Unter uns der Schrecken des Krieges ging,

Über uns eine blutige Wolke hing

Blitzschwangerer, donnernder Schlachten;

Verderbnis vergaste der Menschheit Trift,

Und es stahl sich der Selbstsucht ätzend Gift

In all unser Sinnen und Trachten.

Unter uns gesagt, er hat recht. Und nun nimmt er sich nicht einmal das Festblatt, auf dem vorn seine Dichtung steht, vor den Mund, um der Reichspost das Folgende quasi ins Gesicht zu sagen:

Da sank unseres Volkstums herrliche Zier;

Genuß, Gewinnsucht und Wuchergier —

Im Wildwuchs ekliger Triebe —

hätten alles, was gut und edel war, erstickt und für immerdar seien erloschen die Sterne, die Sterne der Liebe. Nun muß man aber doch sagen, dass es nicht christlich ist, zuerst bei jüdischen Bankdirektoren schnorren zu gehen und ihnen dann, wenn sie ihr Scherflein für die katholische Sache beigetragen haben, ausgerechnet als Vorwort zu dem Katalog ihrer ganzseitigen Annoncen zurufen zu lassen, und zwar mit dem Anschluß an ihre Stirnen:

Die Gewissen tot — erdrosselt das Recht —

Und der Taumel gebar ein neu Geschlecht

Von Schiebern und Prassern und Dirnen.

Mehr als das, ein Gebet anzuschließen:

O, Herr im Himmel! nur einen Blitz

Sende nieder aus deinem Wolkensitz,

Zu zerreißen die schwarzen Schwaden!

(Und zwar im Hinblick auf seiner Güte Gnaden.) Dem Gebet wird sogleich Erfüllung: neues Leben, gesund und stark, durchrieselt des Volkes Mark, durchsickert die Lauen mit frischem Saft und stählt der Mutlosen lahme Kraft und zwar mit des Hochsinns heiligen Gluten, was alles geschieht, um zu wecken die Keime des Guten. Wie ist dieses Wunder vollbracht worden?

Es tagt, was in Dämmer und Dunkel lag,

Nun ist, nun ist — Katholikentag!

Der die Überraschung vorbereitende Gedankenstrich ist nicht von mir, sondern vom Bruder Wilram. Was uns da aber enthüllt wird, widerlegt deutlich die Vermutung, dass unter den schwarzen Schwaden seine Gesinnungsgenossen gemeint sein möchten. Im Gegenteil wird es nun mit der Helligkeit, die durch die Veranstaltung des Katholikentages in die Welt kommt, auch ganz klar, dass der Dichter die Kreise der jüdischen Schieber treffen wollte, die zur Erhöhung der Festlichkeit so viel beigetragen hatten. Aus diesem Grunde soll nun zwischen diesen Kreisen und der Reichspost eine gewisse Entfremdung platzgegriffen haben, da man nicht mit Unrecht meinte, dass ein katholischer Priester, der im Kriege das Seine getan hat, sich nachher schon etwas Maß auferlegen könnte. In einer Bankenkonferenz soll große Erregung geherrscht haben und es wurden Stimmen laut, dass zum nächsten Katholikentag oder wenn die Reichspost Gottbehüte fünfzig Jahre alt werden sollte, kein einziges Inserat gegeben würde, weil man es nicht nötig habe, sich für sein Geld noch von dem Gallach frozzeln zu lassen.

 

 

Oktober 1923.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 06:01:12 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen