Vazierende Löwen


Keinem andern Beruf gegenüber muß das Mitleid mit der vom Umsturz betroffenen Existenz so sehr vor der Anerkennung einer geschichtlichen Notwendigkeit verstummen wie gegenüber dem militärischen. Denn wenn die allgemeine Wehrpflicht jeden andern Beruf unter den Zwang gestellt hat, für eine fremde und schlechte Sache zu sterben, so ist es doch das selbstverständliche Risiko des überlebenden Berufssoldaten, bei Verlust des Vaterlandes wenigstens seinen Posten zu verlieren. Nichts könnte darum blödsinniger sein als das Gejammer der Kriegspresse über die vazierenden Generale, die nicht mehr vom Heldentod leben können und von der Republik nur eine Pension beziehen, die zwar den Verhältnissen der Niederlage, aber nicht deren Maßen entspricht und sich wegen Nullifizierung dieser und der andern Krone mit den Bezügen nicht vergleichen läßt, die ihnen die Monarchie in Krieg und Frieden ausbezahlt hat.

Da wurde mit aller geziemenden Bitterkeit und der dem Ereignis gemäßen Schlichtheit gemeldet, dass der Feldmarschallleutnant Arpad von Tamássy mit dem Beinamen »Der Löwe von Przemysl« den Kampf um das tägliche Brot aufgenommen und eine Tischlerwerkstatt errichtet habe. Mit angehaltenem Atem wurde geschildert, wie vor dem Gruppenleiter des Zentralwohnungsamtes in Budapest ein hochgewachsener, breitschultriger Herr erschienen sei und ein Gesuch um Zuweisung eines Werkstättenlokals überreicht habe. Der Gesuchsteller war »niemand anderer, als der Löwe von Przemysl«. So werde sich denn der kühne Führer der Ausfallsgefechte um Przemysl bald etablieren und seine Firma als Bau- und Möbeltischler aushängen können. Im Gespräch mit dem Gruppenleiter soll er bemerkt haben: »Wenn ein rechtschaffener Mensch mir begegnet wäre, der mich vor dem 30. Oktober 1918 über die Lage aufgeklärt hätte, ich hätte der Karolyi-Regierung den Gehorsam verweigert.« Noch vernünftiger hätte er freilich gehandelt, wenn ein rechtschaffener Mensch ihn vor dem 1. August 1914 über die Lage aufgeklärt hätte, der Franz-Joseph-Regierung den Gehorsam zu verweigern. Ausschließlich dieser Unterlassung kann er die Notwendigkeit zuschreiben, jetzt mit dem Tischlerhandwerk, das er in der russischen Gefangenschaft zum Glück erlernt hat, jenen Kampf um das tägliche Brot aufzunehmen, der, so bedauerlich er in jedem einzelnen Fall auch sein mag, doch nichts als die Fortsetzung des Kampfes ist, den seine frühere Berufsgenossenschaft um weit weniger verständliche Ziele aufgenommen hat und mit dem Erfolg, einer weit größeren Gemeinschaft das tägliche Brot zu verkümmern. In einer Zeit, in der nach Löwen von Przemysl Gottseidank nicht der geringste Bedarf mehr vorhanden ist und für die sich die Erinnerung an Przemysl ausschließlich mit der Vorstellung ins Feuer gejagter hungernder Menschen verknüpft, konnte er nichts Besseres tun. Das Schicksal setzt den Hobel an und bewirkt wenigstens, dass sich die Löwen in dieser ausgebluteten Welt, die der Fibelromantik kein Opfer mehr zu entrichten hat, annähernd so nützlich machen wie Millionen jener Ärmsten, die durch den glorreichen Unfug aus Beruf und Glück gerissen wurden und eben noch Gesundheit und Leben vor ihm retten konnten.

Dann hieß es wieder, dass der Generaloberst Köveß, »Sieger von Iwangorod, Bezwinger des Lovcen und Befreier von Czernowitz« — lauter Tätigkeiten, die besser unterblieben wären —, gleichfalls in Budapest, um die Verleihung einer Tabaktrafik angesucht habe. Schon befürchtete man, dass er nur eine infolge seiner Wirksamkeit wesentlich reduzierte Fassung vorfinden werde, im Sinne der in meinem Kaiserlied ausgesprochenen Prophezeihung: »Wenn erst die Trümmer rauchen, wird am Tabak gespart«. Da erschien ein kategorisches Dementi des Herrn Generalobersten, dass er gar nicht daran denke, sich um die Verleihung einer Tabaktrafik zu bewerben, obgleich man doch wirklich eher begreifen würde, dass ein Tabaktrafikant sich dagegen verwahrt, der Sieger von Iwangorod zu sein.

Damit wars also nichts und das Interesse wandte sich infolgedessen gleich dem Fortkommen des Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf zu, jenes Mannes, der mit einem zu glorreichen Namen auf die Welt gekommen war, um ihn nicht durch einen Weltkrieg zu verdienen. Er dankte mit geziemender Schlichtheit für die Beweise der Teilnahme, die bei ihm das wohltuende Empfinden ausgelöst hätten, dass »die Menschen vornehmer Gesinnung nicht ausgestorben« seien, er stehe aber auf dem Standpunkt, dass er, »solange es Invalide gibt«, die mit noch weniger Einkommen monatlich leben sollen, kein Recht habe, sich zu beklagen. Aber dass die Menschen vornehmer Gesinnung nicht ausgestorben sind, hat er ausschließlich dem Umstand zu verdanken, dass sie zufällig nicht bei einer seiner Offensiven mitzuwirken hatten, deren Andenken wieder so lange erhalten bleiben dürfte, solange es Invalide gibt. Die Neue Freie Presse versichert, dass die Lebensführung des Feldmarschalls, also ganz im Gegensatz zu seiner Kriegführung, sparsam einfach sei, da er in einem Hotel in Innsbruck in zwei kleinen Zimmern mit seiner Gattin und einer Stütze wohnt, »welche die Küche auf einem kleinen elektrischen Kocher besorgt«. Immerhin findet der Mann, der der Treulosigkeit Italiens schon ein paar Jahre vor dem Weltkrieg zuvorkommen wollte, doch Zerstreuung im Tarockspiel mit den Söhnen Cadornas, und ich kenne Opfer seiner verschwenderischen Kriegführung, denen es nach sieben Jahren Sibirien noch nicht gelungen ist, auch nur ein kleines Zimmer mit dem kleinsten elektrischen Kocher aufzutreiben.

Während nun die österreichischen Feldherrn das öffentliche Mitleid, das die Zeitungen für sie ansprechen, ablehnen und zumeist erst wieder durch die Memoiren, die sie verfassen, sich zuziehen, stehen die deutschen Feldherrn ganz anders da und es zeigt sich auch im Schulter an Schulter der Umgestürzten jene Grundverschiedenheit, die in den Zeiten der Nibelungentreue zwischen den Standpunkten »Immer feste druff« und »Kann man halt nix machen« zur Geltung kam und die Würze »beider Berichte« gebildet hat. Steht für österreichische Heerführer ernstlich die Frage zur Erwägung, ob sie Tischler oder Tabaktrafikanten werden sollen, so wäre dergleichen für die deutschen Kameraden undiskutabel, und ihnen bleibt überhaupt nur übrig, zu werden, was sie schon im Weltkrieg vielfach geworden sind: Ehrendoktoren. Denn die Schmach der deutschen Professorenschaft, die sich eine Ehre daraus machte, Leute, die nichts als Menschenschlachten gelernt hatten, zu Doktoren zu promovieren, ist nicht in dem Weltgelächter erstickt, sondern sie wirkt fort mit der grauenvollen Mechanik aller den Krieg überlebenden Kriegsgreuel dieser unbewegbaren Menschheit. Wenn man im wohlverstandenen Interesse einer Völkerversöhnung darauf bestehen müßte, dass die Vertreter des deutschen Gelehrtentums für die überzeugte Vorschubleistung zum Mord und für die systematische Ehrung der Mörder als Aussätzige der Zivilisation behandelt werden, so würde dieses Verlangen selbst gegen den eindringlichsten Wunsch, Vergangenes zu vergessen, seine Begründung in dem Ereignis von Königsberg finden. Eine Fakultät der Stadt, in der der »Traktat zum ewigen Frieden« der Welt ohne Dank gegeben wurde, hat, was sie zwischen 1914 und 1918 offenbar versäumt hatte, im Jahr 1921 nachgeholt und Herrn Ludendorff das Ehrendoktorat verliehen. Und zwar keine andere als die medizinische. Nachdem im Krieg am liebsten der Doktorhut der Philosophie Dummköpfen aufgesetzt wurde, und auch die Jurisprudenz nicht faul war, Verbrecher in ihre Kollegenschaft aufzunehmen, während leider die Theologie sich damit begnügen mußte, ihren Segen zur Übertretung sämtlicher Gebote zu geben, hat sich endlich auch die Medizin aufgerafft, die damals eben nur für das Einrücken der Verwundeten und für das Durchhalten der Verhungernden tätig sein konnte. Man würde nun vermuten, dass Herr Ludendorff Mediziner honoris causa geworden ist um seines Verdienstes willen, so vielen Menschen die Gesundheit und das Leben zerstört zu haben. Aber in seinem Doktordiplom heißt es im Gegenteil:

Dem Meister der Feldherrnkunst, dessen überragendes Können Gesundheit und Leben unzähliger deutscher Krieger vor den feindlichen Feuerschlünden gerettet; dem Befreier, der mit eiserner Hand unsere ostpreußische Heimaterde reingefegt von plündernden und sengenden russischen Horden; dem Führer, dessen starker Arm den makellosen Ruhm der deutschen Waffen und den Glanz deutscher Kultur getragen hat von den Gestaden des Atlantischen Ozeans bis in die Wüsten Arabiens; dem Helden, der das von einer Welt beutelüsterner Feinde umklammerte deutsche Volk mit den scharfen Schlägen seines unbesiegten Schwertes geschützt, bis es, falschen Worten trauend, seine ungebrochene Wehr und seinen starken Führer fallen ließ; dem deutschen Manne, dessen Bild, aus der Finsternis der Gegenwart hervorleuchtend, uns den Glauben gibt an einen dereinstigen Retter und Rächer unseres Volkes.

Damit haben freilich die Professoren der medizinischen Fakultät von Königsberg ihre Kompetenz überschritten und sich, abgesehn von dem knappen Hinweis auf Ludendorffs Samariterdienste, auf rein philosophisches Gebiet begeben. Wie dem aber immer sein mag, wenn dem Ludendorff ein rechtschaffener Mensch begegnet wäre, der ihn beim Umsturz über die unveränderte Lage Deutschlands aufgeklärt hätte, so hätte er es nicht nötig gehabt, mit falschem Paß nach Schweden zu fliehen. Er, der damals mit einer blauen Brille davonkam, hat heute schon wieder seinen echten Paß, in dem die besonderen Kennzeichen, eiserne Hand und eiserne Stirn, nicht fehlen und dessen Lichtbild aus der Finsternis der Gegenwart hervorleuchtet. Infolgedessen steht so ein deutscher Feldherr, dessen starker Arm den Glanz deutscher Kultur von den Gestaden des Atlantischen Ozeans bis in die Wüsten Arabiens, kurz überallhin, nur nicht nach Deutschland getragen hat — jedenfalls steht so ein Wüstenkönig ganz anders da als unsere Armitschkerln von vazierenden Löwen, die gewohnt, ihr Süppchen auf dem Weltbrand zu bereiten, nunmehr mit einem ganz kleinen elektrischen Kocher vorliebnehmen müssen, aber halt doch zu stolz sind, den Lorbeerblättern zugunsten der Tabakblätter zu entsagen.

 

 

November 1921.


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