Der Ankläger


(Eine kleine Theaterdame in ihren Ferien.) Die 20jährige Emilie N., ein hübsches Mädchen, befand sich heute vor dem Schwurgericht unter der Anklage des Diebstahls. Staatsanwalt Dr. E. sagte von ihr, sie gehöre zu jenen Lebedamen, die mit mehr oder weniger Talent zum Theater gehen, um sich den Namen Schauspielerin beilegen zu können, die aber diesem Berufe gewöhnlich nicht lange treu bleiben, und sich dann meist ohne Engagement damit beschäftigen, als Schauspielerinnen Herrenbekanntschaften zu machen, um in die Lebewelt, in die Kreise der Jeunesse dorée eingeführt zu werden. Dazu gehöre sozusagen ein Betriebskapital, um sich die notwendigen Toiletten anschaffen zu können. Immer sei nun die Konjunktur nicht günstig, es gebe auch für diese Damen Zeiten der Geldnot und dann geraten sie leicht auf Abwege.

Was soll das Grinsen? Das ist doch eine Verteidigung, keine Anklage. Natürlich handelt es sich um das Betriebskapital! Was würden denn diese Herren tun, wenn ihr Beruf nicht zufällig anerkannt und besoldet wäre? Es hat schon welche gegeben, die sich trotzdem in die Lebewelt, in die Kreise der Jeunesse dorée einführen ließen, um der Geldnot abzuhelfen. Man kann nämlich auch Damenbekanntschaften machen. Und man kann sogar Herrenbekanntschaften machen.

 

 

Dezember, 1911.


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