Sicher ist sicher


»Berlin, 17. November. Die ›Vossische Zeitung‹ meldet aus Wien: Der italienische Botschafter am Wiener Hofe ersuchte im Auftrage der italienischen Regierung den Vertreter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Doktor Alfred Stern, die Gemeinde möge ihren Einfluß auf die Wiener Presse geltend machen, um im Interesse der Abwehr des Antisemitismus von Italien die freisinnigen Zeitungen von kritischen Bemerkungen über die italienische Kriegsführung abzuhalten.«

Wenn die Gans keine Ente ist, so ist die Sache koscher und alles stimmt. Ein Bild von der Kausalität der Welt und von der Identität der Kräfte: Wenn der Schmock in Wien dagegen ist, wird der Hausierer in Mailand geprügelt. Der Rebbe soll vermitteln. Dass er es vermag, dass Kultusgemeinde und Konkordia Fleisch von einem Fleische sind, ist eine europäische Voraussetzung, ohne die wahrscheinlich nie der Dreibund zustandegekommen wäre. Der Wiener Presse kann man mit Geld allein nicht beikommen: wenn ihre Überzeugung stärker ist, wendetman sich ans Rabbinat. Nichts ist dabei wichtiger als die Belanglosigkeit, ob die Meldung wahr oder erfunden ist. Die wahren Wahrheiten sind die, welche man erfinden kann. Wie sollten sich aber im Ernst die Wiener Dinge dem ausländischen Leser einer Wiener Zeitung anders darstellen? Ist doch das Weltbild, das man von jeder Zeile der Neuen Freien Presse abziehen kann, ein Familienschmus aller Nationen, Einheirat der Dynastien, und wenns Krieg gibt, eine Beschneidung. Ist doch die eigene Welt dieser Presse nicht anders belebt als durch Teilnahme an Geburt und Tod in der Verwandtschaft, durch die Eingeweihtheit aller Feste und durch das Rituale der Berichterstattung. Gibt es irgendwo einen Kult, der unumstößlichere Tatsachen aufweist als der Wiener Zeitungsbrauch? Die Art, wie hier gratuliert und kondoliert, geboren und gestorben wird und immer drei kaiserliche Räte aus dem Morgenland einem Stern folgen, genügt allein, um das Ausland aufmerksam zu machen, und was hier an Gerüchen von Tonello und Tönen von Sulzer in die öffentliche Debatte dringt, ist so penetrant, dass auch der Fernstehende spürt: in dieser Gegend, mein Lieber, ist der Weg vom Reporter zum Rabbiner nicht weit. Verlorene Bocher sitzen in den Schreibstuben und legen die Ereignisse aus. Die einst im Tempel mitgesungen haben, werden Musikkritiker. Die noch heute das Messer in den Mund nehmen, Kriegsberichterstatter. Warum sollte man sie nicht diplomatisch beeinflussen können? Sie folgen ihrem Stern. Er steht über ihrer Berichterstattung. Und wenn ich selbst dereinst gefragt werden sollte, wie sich mir eigentlich die Welt geoffenbart habe, ich müßte den Blick senken und bekennen: Als kleine Chronik. Und wie die kleine Chronik? Ich würde stolz sagen: Als Religion.

 

 

Dezember, 1911.


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