Wir und die Eskimos


Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass sich ein Mitglied des Berliner Automobilklubs einem Eskimo kulturell überlegen dünken wird. Dennoch heißt es im Buche Fridtjof Nansens:

».... es sind Anzeichen vorhanden, dass die Eskimos ihre Physiognomie verlieren und in unserer trivialen, alles überwuchernden Kultur untergehen werden.«

Ein entsetzter Europäer aber stellte wegen dieses, wie er sagt, »revolutionären Passus« den Autor zur Rede und erhielt die folgende gute Antwort:

Ja, ich habe die europäische Zivilisation trivial genannt, denn ich halte sie auch für trivial. Ihr Bestreben geht dahin, alles allem gleich zu machen. Ich habe keinen Grund, ein solches Resultat zu wünschen. Alles allem gleich zu machen, bedeutet für die Zukunft die schreckhafteste Monotonie. Der heutige Mensch ist eine Maschine, und in dem Sturmlauf des modernen Lebens hat er keine Zeit, sich selbst zu finden. Sich selbst zu entdecken, ist die größte Entdeckung. Der Eskimo aber hat in seiner Abgeschiedenheit genug Zeit, sich dieser Art von Selbstentdeckung zu widmen. Seine Zivilisation ist groß, seine Kultur ist schön. Kunst haben sie wenig, aber wunderbare nordische Märchen. Der Eskimo lebt sich selbst. Er ist auf seine fünf Sinne angewiesen — er ist ein Individuum. Und trotz alledem ist das Leben des Eskimos auf einem sozialistischen System aufgebaut; fast kommunistisch sind ihre Leitmotive. Ihre Regel heißt: »Ich habe heute einen schlechten Fang getan, gib mir von deinen Fischen; morgen, wenn es dir schlecht geht, will ich aushelfen.«

»Nansen begeistert sich, wie man sieht, für diese Grönländer.« Was diese Europäer anlangt, so haben sie allerdings mehr Kunst und leben nicht sich selbst, sondern vom Nebenmenschen. Ihre Regel heißt: »Ich habe heute einen guten Fang getan, indem ich mir von deinen Fischen nahm; morgen, wenn es dir schlecht geht, will ich mir aushelfen«. Was freilich die Allesgleichmacherei anlangt, so gibt es ein Land in Europa, wo das Streben des Kulturmenschen erst dahin gelangen muß; denn die schreckhafteste Monotonie ist noch willkommen als Schutz gegen die mißratenen Individuen, die sich ihm dort in den Weg stellen und ihn zwingen, an die äußern Dinge des Lebens, die der inneren Kraft dienen sollen, eben diese zu verplempern.

 

 

Dezember, 1911.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 00:32:42 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen