Einem On dit zufolge


Zu Pessach wird den Lesern des ›Prager Tagblatt‹ — natürlich aus einer Entente-Quelle — unter dem Titel »Die Zarin und Rasputin in der Badewanne« die folgende Delikatesse geboten:

... Sein Einfluß basierte auf einer gewissen hypnotischen Kraft, die ihm eigen war, einer Kraft, die ihn Frauen ganz besonders gefährlich machte. Er hatte eine neue Art von Religion erfunden. Ein Artikel darin besagte, dass Männer und Frauen gemeinsam baden sollten, »um das Fleisch zu prüfen«. Er behauptete eine wunderbare Heilkraft zu besitzen und, wie erzählt wird, hat er selbst die Kaiserin dahin gebracht, sich dieser Prüfung zu unterwerfen. Die Zarin saß eines Tages in ihren Gemächern, zu einer stillen Arbeit zurückgezogen, als Rasputin, der es soweit gebracht hatte, überall unangemeldet eintreten zu dürfen, plötzlich ins Zimmer kam, vor der Zarin in die Knie sank und begann, sich bis auf die Erde zu verneigen. Es ist bekannt, dass sein Einfluß auf die nervenleidende und leicht erregbare Frau sehr stark war, und als der routinierte Komödiant mit beschwörender Geste die Aufforderung an sie richtete, »die Kraft ihres guten Menschen in jener Prüfung zu messen«, war sie, trotz des Einspruches und der Warnung der Fürstin D., die vielleicht aus Erfahrung sprach, dazu bereit. Lakaienaugen und -ohren wollen denn auch die Tatsache verbürgen, dass die Prüfung in der Badewanne stattgefunden habe. Man erzählt, dass die Zarin bald ganz der Suggestion des Wüstlings unterlag, der auch den Zaren völlig in seiner Gewalt hatte. Wenige Tage vor der Ermordung Rasputins soll sich in den intimsten Gemächern der Zarin eine Szene zugetragen haben, die nicht unbemerkt blieb. Eine Hofdame, die trotz des strengen Verbotes das Boudoir betrat, soll die unfreiwillige Zeugin eines Vorganges gewesen sein, der es sehr bezweifeln läßt, ob die Zarin noch von der Frömmigkeit des Mönches überzeugt war.

Also doch wohl weniger einem On dit, als einem Me sogt zufolge. Wie weit doch die Rache für jene andern Ostermärchen gehen kann! Aug' um Auge, Bad für Blut — im Blutbad ist auch das noch möglich. Ein Dreckbube hat es erreicht. Der Glaube, dass das Unglück eine entthronte Kaiserin preßreif macht und dem ›Prager Tagblatt‹ näherbringt, verdient wohl bei den kommenden Friedensbedingungen berücksichtigt zu werden. Welcher Staat immer unterliegen mag, die Mundtotmachung und Auslieferung solcher Kanaillen an den Feind sollte durchsetzbar sein, damit nie wieder die Feindinnen Gefahr laufen, durch ein solches Bad beschmutzt zu werden, und den Notizlern die Lust vergehe, sich an der Wehrlosigkeit von russischen oder rumänischen Herrscherinnen zu vergreifen. Auf der Rückseite des Ausschnittes ist ein weißer Fleck. Hätten wir eine Zensur, die statt von einer Staats-, von einer Kulturanwaltschaft besorgt wird, so wäre vorn ein gelber angebracht worden. So aber kann es als eine der Höchstleistungen des Jahres 1917 einer Nachwelt überliefert werden, die dieses als das Sittenpestjahr anstaunen wird, um der Fülle jener Nachrichten willen, die seine ärgeren Taten waren. Rußland ist — trotz Revolution in Rußland — groß, der Zar ist weit und Hundspeitschen pflegen, wenn der Angriff auf die Familienehre in solche Regionen langt, nicht mobilisiert zu werden. Könnte dies aber einmal gründlich, von unten und oben und überall gleichzeitig geschehen, so würde sich die Menschheit wohl alle andern Mobilisierungen für alle Zeiten ersparen!

 

 

Mai, 1917.


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