Ein Ruf, der bis ans Ende der Zeit dringt


Aus einem Essay, der an dem Tage erschien, als sich in Wien bei einer Mordnachricht angeblich Gruppen bildeten:

»Käsebloch, Käsebloch!« so erschallte der Ruf bei der offiziellen Eröffnung und Besichtigung durch die Ausstellungsräume, als Herr Präsident Ratz unter schmeichelhaftesten Anerkennungsworten den Chef der Firma Eduard Bloch, Käsegroßhändler und Käsereibesitzer, Wien, I. Kumpfgasse 5, Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten vorstellte. Und wahrlich! Was diese Firma bietet, erregt die Bewunderung nicht nur der Ausstellungsbesucher, sondern in besonderem Maße der Fachleute. Im Hauptsaale ein Berg von Weichkäsen, ein Muster moderner Arrangierungskunst der Wiener Delikatessenhändler-Gehilfenschaft. Man sah wiederholt Architekten, Maler, Zeichenlehrer, Ingenieure u. s. w. und nicht minder Berufskaufleute mit Entzücken dieses Kabinettstück moderner Schaustellungskunst bewundern und Herr Bloch wurde samt seinen Vertretern mit Anfragen bestürmt. Die Exposition ist von früh bis Abends belagert, da harren des Verzehrers die in fast allen Delikatessenhandlungen Wiens populären Käsemarken dieser Firma... In würdiger Weise schließen sich diesen bekannten Sorten auch die berühmten alten Käsereifirmen, deren Depositeur Herr Bloch ist, an .. Imperial .. Ellischauer .. Hagenberger .. Liptauer ....

Hoch oben thronen als Vertreter ausländischer Typen die »Camemberts«. Es ist schwer, diese Exposition ruhig zu besichtigen, da dieses Objekt ununterbrochen von klein und groß belagert wird, umsomehr als die anwesenden Vertreter der Firma mit Gratisproben nicht kargen ...

Einer Einladung folgend, begibt man sich in das Souterrain .... Schon auf der Treppe begegnet man wahren Völkerwanderungen von Besuchern der Käserei Bloch. Ist oben die Käseausstellung der Firma Bloch stets belagert, so ist unten bei den Käsereien ein Menschenknäuel, wie auf der Stadtbahn am Sommersonntagsnachmittag. Groß und klein ergötzt sich daran, zuzusehen, wie aus den surrenden Maschinen, die vom reinweiß gekleideten Personale bedient werden, schön geformte Quargel — 122 Stück in der Minute — herausquellen ... wahrlich, man bekommt »Gusto« auf so ein kleines weißes Käschen, das jedoch nach Angabe des unermüdlichen Herrn Bloch erst nach erlangter Reife — in zirka 14 Tagen — zum Genüsse bereit ist... Hier waltet die Oberkäserin der Firma mit einem Stabe von Hilfsarbeiterinnen aus frischer Milch verschiedene Sorten Weichkäse ...

Der Eindruck, den die Käseausstellung oben in der Halle gemacht hat, wird sehr würdig ergänzt durch diese einzig dastehende und dem Publikum bisher unzugängliche Erzeugung und verdient es der Chef der Firma, wenn der Präsident der Reichsorganisation der österreichischen Kaufleute, Herr Michael Ratz, mit weithin hörbarer Stimme vor den versammelten Festgästen die Verdienste des Herrn Bloch Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten hervorhob und nachträglich den vorher abwesenden Herrn Bloch mit dem Rufe »Käsebloch, Käsebloch!« herbeiholte und vorstellte ....

Mit diesem Ruf werden wir hinüberschlafen. Nun ist noch einmal zum Berge gehäuft, was es alles gegeben hat. Alle Schönheit und alle Menschenqual, gut und böse. Stürme, Kriege, die Völkerwanderung. Es zieht vorüber, klaget nicht, fasset es mit dem Aug des Malers! Ihr steht auf dem Berg, die Sonne scheidet, über euch jedoch waltet die Oberkäserin. Und siehe erst nach erlangter Reife, in zirka 14 Tagen, werdet ihr zum Genusse bereit sein. Dann kommen die Maden. Mit dem letzten Ruf schallt es: Käsebloch, Käsebloch! Nun ist die Entwicklung beschlossen, jene, zu der ihr gerufen waret mit dem ersten Ruf: Adam, wo bist du!

 

 

Juli, 1914.


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