Wie ich einen Hotelportier dazu brachte, über die Unzulänglichkeit des menschlichen Wissens nachzudenken


»Hat der Zug der Tauernbahn, der hier in Salzburg nachts ankommt, Schlafwagen?« »Nein.« »Sie, ich erinnere mich gelesen zu haben, dass er Schlafwagen hat.« »Woher denn!« »Bitte sehen Sie doch vorsichtshalber im Fahrplan nach.« »Herr, wenn ich sage, er hat keinen Schlafwagen —« »So hat er vielleicht doch einen!« »Herr, er hat keinen! Dazu bin ich da! Wenn unsereins das nicht wissen sollt'!« — — — — »Sie Portier, denken Sie sich, gestern nachts ist jemand mit der Tauernbahn im Schlafwagen hier angekommen!« »Im Schlafwagen? Der Zug hat sein Lebtag kein' Schlafwagen!« »Woher wissen Sie das eigentlich?« »Weil i ihn selbst gseh'n hab'.« »Wen? Den Schlafwagen?« »Na! den Zug!« »Aber ich hab den Schlafwagen gesehn!« »Was S' net sagen! Is möglich?« »Ja!« »Mirkwirdig, sehn S', auf die Fahrplän' is kein Verlaß!« »Es ist aber doch so.« »Das ist mir neu!« »Hat Schlafwagen!« »Nicht möglich!« »Doch doch, und Sie haben gestern fest und steif behauptet —« »Weil i's g'wußt hab'.« »Und was sagen Sie jetzt?« »I sag', dass auf die Fahrplän* kein Verlaß is.« »Auf die Fahrpläne? Sie haben doch selbst den Zug gesehn und keinen Schlafwagen bemerkt?« »Ja, bei der Nacht kann so etwas leicht passieren!« »Schlafwagen verkehren doch nur bei der Nacht?« »Aber grad da is finster, an Speisewagen erkenn i!« »Was steht im Fahrplan?« »Im Fahrplan steht nix.« »Woher wissen Sie das?« »Weil i's selbst net hab' glauben wollen und nachg'schaut hab'.« »Bei Tag?« »Bitte, hier ist der Fahrplan — — dös wer' mer glei hab'n —!« »— — Nun?« »Vielleicht überzeugt sich der Herr selbst?« »Gut, ich werd's Ihnen aufschlagen — Nun, was steht da?« »Nix steht da von an Schlafwagen, sehn S'?« »Ja natürlich seh ich, hier steht: Schlafwagen Triest—Stuttgart.« »Wo?« »Do!« »Wirkli wahr, i hab nur unten g'schaut, unten steht nix bei Salzburg.« »Aber oben steht es, sehn Sie?« »Unbegreiflich! Jetzt hab i glaubt, im Fahrplan steht nix von an Schlafwagen, daweil stehts do! I sag's ja, auf die Fahrplän' is kein Verlaß! — —« »Worüber denken Sie denn nach?« »Jetzt waß i selber net, hot er an Schlafwagen oder hot er kan?« »Er hot an!« »Ja, wenn S' glauben —«

(Kopfschüttelnd ab in die Loge.)

 

 

Mai, 1914.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 04:17:01 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen