Wien zum fünfzehnten Geburtstag der Fackel


Wien, den 28. April 1914

Streng diskret!

 

Hochgeehrter Herr!

 

Wenngleich idi nicht die Ehre habe Ihnen persönlich bekannt zu sein, so erlaube ich mir dennoch, Sie aus dringendster Notwendigkeit mit einem Anliegen zu belästigen, von dessen günstigem Erfolge mein zukünftiges Wohl zum großen Teile abhängig gemacht wird.

Um kurz fassen, teile ich höflichst mit, dass ich in einer Zeitung ohne jeden berechtigten Grund angegriffen wurde, was eine gehörige Abwehr erfordert. Da mir zum Verfassen eines Abwehrartikels das hierzu erforderliche »Zeug« fehlt, so wurde mir nach vielfach eingezogenen Erkundigungen nach Herren, die sich stylistisch beschäftigen und schlagend wie treffend zu schreiben wissen, unter Anderen Herren mir insbesondere Ihre hochgeschätzte Person genannt.

Ich erbitte mir im Voraus Ihre gütige Verzeihung, wenn ich mir die höfliche Frage gestatte, ob Sie, hochgeschätzter Herr, gegen ein entsprechendes Honorar nicht die Geneigtheit hätten, mir den gewünschten Abwehrartikel zu verfassen.

Sollte dieselbe Ihrerseits bestehen, so bitte ich ganz ergeben um geneigte Nachricht darüber, wann und zu welcher Tageszeit eine eingehende Rücksprache diesbezüglich möglich ist. Mit der höflichsten Bitte um Wahrung strengster Diskretion Ihrer möglichst postwendenden Bescheidung dankbarst entgegen sehend, empfiehlt sich

Hochachtungsvollst!

— — — —

 

NB. Für den Fall der Ablehnung würden Sie mich zu vielem Danke verpflichten, wenn Sie mir den einen oder anderen Herren, der sich bestens für den gedachten Zweck eignen würde, aus Ihrem Bekanntenkreise nahmhaft zu machen die Güte hätten.

Hochachtungsvoll

d. O.

 

 

Mai, 1914.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
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