Die Nebensache


Ich suche einen

Schwiegervater

der sich mit mir in Konfektion etabliert;

bin 33 Jahre alt, bekannt als Reisender

und Konfektionär. Verm. verb. J. G.

3378 Exp. d. Bl. Berlin SW.

 

Cherchez la femme, kann man da wohl nicht mehr sagen. Suchs Frauerl! Wo ist sie? Er sagt nicht: Einheirat, denn auch der Schwiegervater ist noch nicht etabliert. Sonst sagten sie wenigstens, dass sie das Geschäft finden wollen und darum die Frau suchen. Sie brauchten doch einen lebendigen Vorwand. Das fällt jetzt weg; der Schwiegervater ist das Rudiment einer überwundenen Entwicklung, die noch Sentimentalitäten kannte und die Frau beim Warenbestand berücksichtigte. Das ist vorbei. Ein Schwiegervater wird gesucht. Die Tochter kann tot sein, wenn sie will; ist sie bei der Hochzeit da, gut, nicht — nicht. Wird er das Konfektionslager mit dem Schwiegervater teilen! Es ist eine Neuerung in der Damenkonfektionsbranche. Konfektion ohne Dame. Der Glanz antiker Größe durchleuchtet unsere Zeit. Wo ist sie, die dieses Schicksal treffen wird? Die vielleicht die Annonce liest und nicht weiß, dass letzten Endes doch sie gemeint ist! Wo lebt die Konfektionsware? Wo lebt dieses fertige Kleidungsstück von Weib? Wo ist sie, dass ich sie beschwöre, sich jetzt zu verbergen und sich lieber zu töten als der Kadaver dieser Hyäne zu sein. Männer sterben jetzt durch Zufall, Frauen werden gebären, weil zwei sich etablieren wollen. Ein heroisches Zeitalter bricht ein. Beklaget nicht was gewesen. Komm o Morgenrot! Zwei Haderlumpen werden sich in dieser großen Zeit über dem toten Leben eines Mädchens die Hand reichen.

 

 

Oktober, 1915.


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