Diana-Kriegs-Schokolade


Und vorn die Bilder der Heerführer. Was ist das? Das ist unsere Kultur. Wie schmeckt das? Süß. Könnte man sich diese Marke ins Französische übersetzt denken? Nein. Wiewohl doch Schokolade unschwer ins Französische zu übersetzen wäre, Krieg guerre heißt — abgeleitet von c'est la guerre — und die Diana dem lateinschen Vorstellungsleben eigentlich näher steht als dem deutschen. Aber hat dort das Denken überhaupt Raum für diese mixta composita? Vollzieht sich in irgendeiner Region dieser unaufhörliche Händlergriff in jedes dem Wesen der Ware entrückte Gebiet, dieser Einbruch in das Reich aller Edelwerte, Mythologie, Glorie, Tod, Kunst, Liebe, Religion, die als Packpapier, zur »Aufmachung« des Artikels für geeignet befunden werden? Untersuchen wir den Fall. Hat der Krieg etwas mit Schokolade zu schaffen? Immerhin, und eben darin steckt das Problem der Kultur und also des Krieges. Was hat aber Schokolade mit dem Krieg, der Krieg mit Diana, Diana mit Schokolade, der Krieg mit Schokolade und Diana zu schaffen? Nichts, und eben darum. Denn: Schokolade ist angenehm, der Krieg ist nützlich — Diana ist nützlich und angenehm. Es ist das »Gesamtkunstwerk«, das Angebot des großen Orchesters für die Nachfrage des kleinen Tons, das malerische Musikdrama mit Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie, aber mehr Wagner als Faust, die Kunst, aus allem Kunst und aus dem Leben ein »Leipziger Allerlei« zu machen, und diese Vielheit von Leben und Kunst zum Schluß apollinisch gebändigt »im Dienste des Kaufmanns«. Man verbindet. Die jüdische Weltanschauung und die neudeutsche könnte man nicht verbinden, weil es zu viel vom Selben wäre. Dennoch besteht ein Unterschied. Dort wird in der Regel und aus Sparsamkeit nur Schokolade mit Knofel serviert. Hier aber gibts alles, was gut und teuer ist, was die große Zeit bietet und die Jahreszeit nicht bietet, hier ist immer das Gastmahl des Trimalchio, immer Prahlhans Küchenmeister, hier heißt es einfach: Schokolade ist jut, Krieg ist jut — wie jud muß erst sein Schokolade mit Krieg und Diana!

 

 

Dezember, 1915.


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