Heimkehr und Vollendung


Tod aus Freude über die Heimkehr des Gatten aus der Gefangenschaft

Die Tischlersgattin Anastasia Kolochy, Hernais, Gsdiwandtnergasse Nr. 28, erhielt vor einigen Tagen von ihrem Gatten, der seit fünf Jahren in russischer Gefangenschaft schmachtete und für tot gehalten wurde, aus Prag ein Telegramm, worin er ihr mitteilte, dass er sich auf der Heimreise befinde. Die übergroße Freude über die bevorstehende Ankunft ihres Mannes brachte der Frau den plötzlichen Tod. Ein Herzschlag bereitete ihr ein jähes Ende. Als der Gatte nach Hause kam, fand er seine Frau auf der Bahre.

 

»Heult, heult, heult, heult! O ihr seid All' von Stein!

Hätt' ich eu'r Aug' und Zunge nur, mein Jammer

Sprengte des Himmels Wölbung! — Hin auf immer!

Ich weiß, wenn Einer tot und wenn er lebt:

Tot wie die Erde. Gebt 'nen Spiegel her;

Und wenn ihr Hauch die Fläche trübt und streift,

Dann lebt sie.«

»Ist dies das verheißne Ende?«

»Sinds Bilder jenes Grau'ns?«

»Brich, Herz, ich bitt' dich, brich!«

»Brich, Welt, vergeh!«

»Wie dunkel ist es hier!«

 

Von allen Vollendungen dieses Weltuntergangs könnte diese die vollkommenste sein.

Der Krieger, der seinen Vater umgebracht hat:

 

»Wie wird die Mutter um des Vaters Tod

Mich schelten, und sich nie zufrieden geben!«

 

Der Krieger, der seinen Sohn umgebracht hat:

 

»Wie wird mein Weib des Sohnes Mord in Tränen

Ertränken, und sich nie zufrieden geben!«

 

Hier überbietet es sich noch im Wechsel der Bahren, der geglaubten und der wirklichen. Nur spricht kein milder König dazu:

 

»Wie wird das Volk dem König dieses Elend

Verargen, und sich nicht zufrieden geben!«

 

Und wenn sie alles Leid der so verarmten Erde verantworten könnten — dies Freudenfest nicht! War mit dem Ultimatum aller Tod beschlossen, der eine Herzschlag hätte abgemahnt.

Wie muß sie den Tod des Gatten erlebt haben, da sie so an seiner Belebung starb!

Doch um die Symmetrie in den Maßen der Welttragödie zu vollenden, die ihre Täter uns vergessen machen möchten — wir wollten es, wenn sie nur eingedenk blieben bis ans Ende ihrer Tage —, müßten sie zur Stelle sein, die Könige, und wären sie aus dem Tod und der Verbannung zurückzuholen, um solchem Schauspiel beizuwohnen.

Sie, die zu viel Liebe zerrissen haben und zu viel Trennung bereitet; die uns für widerstandsfähiger gehalten haben als uns Gott gewollt hat; die zu viel den Leibern zugemutet haben, zu viel dem Verstand auch und der Ehre, und zu viel den Herzen. Sie müssen es sehen, was sie nur getan haben, weil sie es sich nicht vorstellen konnten; denn sie können es noch immer nicht. Zusamt ihren Feldherren, Staatsmännern und Preßbuben fortleben mit diesem Bild! Gram um diesen Hingang, Freude über diese Heimkehr, Erlebnis endlicher Vollendung: die Herzen, die es noch waren, würden zu schlagen aufhören.

 

 

Juli, 1920.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 19:51:18 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen