Deutscher Bildungshunger


Aus dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandels

Das Geschäft von Franz Michaelis ging im April 1915 an den langjährigen Leiter der Buchhandlung Ad. Krafft in Hermannstadt, Herrn Ernst Duck, über.

Hier mag auch ein Erlebnis Platz finden, das wir dem gegenwärtigen Besitzer nacherzählen: Weil er in militärpflichtigem Alter stand, mußte Duck beim Rumäneneinfall mit dem gesamten Personal flüchten. Einige Tage nach der Schlacht von Hermannstadt stand er vor seinem Geschäft; da trat ein preußischer Musketier an ihn heran und sagte: »Machen Se man uff, sonst schlagen mer Ihnen die Bude ein; wir Deutschen haben Hunger nach Büchern!« Aus Freude über diese Drohung und nicht aus Furcht folgte ihr Duck und hat seither viele deutsche Brüder mit deutschen Büchern versorgen können. Oft genug staunten die neuen Besucher, so fern vom deutschen Vaterlande Läden voll deutscher Bücher zu finden.

Was ist der Wiener Gruß »Lekmimoasch, i geh in den Volksbildungsverein!« für eine Halbheit neben diesem handfesten Beweis von Bildungshunger. Man beachte auch, wie der Musketier, nachdem er mit dem Buchladenbesitzer deutsch gesprochen hat, plötzlich hochdeutsch zu sprechen beginnt, wenn er seine Drohung begründet. Es ist eben immer derselbe Unterschied: die Feinde würden in heuchlerisch gebildeten Formen Einlaß in einen Buchladen erbitten, um dann den Besitzer zu ermorden, während der Deutsche sich mit der Miene des Wehrwolfs den Einlaß ertrotzt, um endlich wieder mal 'nen Otto Ernst lesen zu können, was den deutschen Sortimenter so zu Tränen rührt, dass er auf das deutsche Geld verzichtet und es dem deutschen Börsenblatt mitteilt.

 

 

Oktober, 1917.


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