Der kleine Brockhaus


Wo wird die Mutter sein, die uns Erwachsenen die Stirn hält, wenn wir einmal die ganze Bildung von uns geben! Was mir dort im Leben widersteht, nehme ich in meinen Traum herüber, und da hatte ich kürzlich etwas Fieber und dachte, jetzt, ach, jetzt müßte ich den kleinen Brockhaus brechen. Ich befreie mich in diesen Übergängen vom Wissen zum Vergessen, wo Gottes Finger mir im Halse steckt, und sein Auge ist in jedem dieser Gesichter, die nachsehen kommen, ob wir schon schlafen: sie erstrahlen, wenn wir zu wissen aufhören, und erlöschen, wenn wir zu träumen beginnen. Eine Drucksorte war meiner Hand entsunken, auf der stand, dass der kleine Brockhaus 1911, Preis jedes Bandes 12 M., soeben erschienen sei. Wie nun noch aufhören, zu wissen? Die Bildung besteht aus 2100 Textseiten, 80.0000 Stichwörtern, 168 Beilagen, 4500 Abbildungen, 128 Tafeln, 431 Land- und Situationskarten, der Preis ist niedrig für das unermeßliche Kapital an Aufklärung, das der Erwerber gewinnt, elegant in Halbleder, Unterzeichneter bestellt hiermit, in monatlichen Raten, das Nichtgewünschte bitte zu durchstreichen. Wie groß ist doch die Welt, wenn sie nur bietet, was auf dieser Musterkarte Platz hat. Siehe, da war die Behrsche Einschienenbahn zwischen Listowel und Ballybunnion und die Statue des Augustus, die Reibungs-Elektrisiermaschine und Raphaels Papst Julius II., der Lastenzug für die deutschen Kolonien mit 40—50 pferd. Spiritusmotor und das Kapitol in Washington, und alles andere. Mit einem Wort: der kleine Brockhaus ist »der Phönix unter allen Nachschlagewerken«. Und wer ihn auswendig gelernt hat, dem könnte kein beserer Satz gelingen, um ihn zu bezeichnen. Und alle brauchen ihn. »Der Beamte in seinem Büro oder am Schalter, der Gelehrte zwischen seinen Büchern, der Kaufmann an seinem Pult und im Verkehr mit der Kundschaft, der strebsame Angestellte hinter dem Ladentisch und das Fräulein an der Schreibmaschine, der Lehrer unter den fragenden Schülern, der Landwirt, der die Zeitung liest, und der Reisende, der sich nicht verblüffen lassen will, jedermann braucht den kleinen Brockhaus ...« Wie durch die hohle Gasse ziehen sie alle ihres Weges fort an ihr Geschäft und meines ist der Mord. Aber sind sie nicht alle ein- und derselbe? Verschmelzen sie nicht zwischen Büro und Zeitung zu dem einzigen Typus, der nachschlägt, weil er sich nicht verblüffen lassen will, und der verblüfft, weil er nachschlagen kann? Oh, wie schlecht ist mir von all dem. Ein Phönix! Ich lasse mich nicht verblüffen, ich schlage nach, das ist der Sonnenvogel, ein fabelhafter ägyptischer Wundervogel, der 500 Jahre leben, dann auf einem von ihm selbst bereiteten Lager sich verbrennen und aus seiner Asche verjüngt wieder ... »Daher ist sein Platz an der Seite jedes arbeitsamen Menschen, der den Anforderungen seines Berufes gerecht werden will und kein beschämenderes Wort kennt als das Eingeständnis: ›Das weiß ich nicht‹.« — — Ich schäme mich zu schlafen, seitdem ich diesen Satz gelesen habe. Denn sie fangen jetzt an, schon zu wissen, wie man zu träumen hat. Und es gibt nicht Nacht mehr und Nebel, nicht Schleier noch Schatten. Und ich schäme mich zu sterben, seitdem ich diesen Satz gelesen habe. Denn ein Reisender, der sich nicht verblüffen lassen will, wird sich über mich neigen und mir die Augen aufreißen.

 

 

Dezember, 1911.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 10.01.2007 
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