Das Organ des auswärtigen Amtes


läßt uns lange auf dessen wahre Meinung warten. Zuerst fahren S' natürlich zum Gerstl, dann kommen drei Seiten Hopsdoderoh mit Grand Gala, Parisien und Olympia, der langjährige beliebte Zahlkellner Sándor hat sich selbständig gemacht — ein Idyll im Trubel — und City und Rekord und Tango und was weiß ich, da mir die Sinne schwinden! Dann erst, allmählich, scheint die Stunde der Verblendung »auch wieder einmal für Serbien zu schlagen«. Noch einmal mischen sich Moet & Chandon hinein, ehe Pegoud und Bleriot zu ihrem Rechte kommen. Nun glaubt man, müsse endlich die Jahrhundertfeier in Leipzig stattfinden. Ja, Schnecken, vorher müssen wir noch zum dummen Kerl. Dann in die Urania? Nein, in die Olympia, ins Palais de danse, und noch einmal zum Gerstl, und die ganze Bummeltour. Endlich fliegt Pegoud und schon hört man von weitem Sensationelles von der Canadian. Aber nein, noch sind wir nicht so weit, mitten in den Text, auf Seite 8 mischt sich eine Stimme, die uns etwas zuflüstert und uns irgendwohin lockt, wo es ganz famos ist. Das sieht so aus:

 

weil Pegoud ja ein Schüler Bleriots ist und seine heutigen Vorführungen die Wiener wieder mit einer neuen Epoche der Aviatik bekannt machen sollen.

 

Kommen Sie ins Parisien

(Ronachergebäude) Anfang 11 Uhr

 

Die Vorgänge auf dem Balkan.

 

Endlich, auf Seite 11, kommt ein Adjektivkünstler, der uns erzählt, dass die variabelsten Meister mit asthmatischer Kraft und neurasthenischer Energie die graziösesten, apartesten, kokettesten, verhauchend feinsten Tricks des Metiers aus Motiven, Stimmungen, Klängen vermöge der erlauchten Bravour und der lodernden Mechanistik ihres biegsamen, schlanken, chevaleresken Stils von brillanter, expansiver, korrelativer, reflexiver Übereinstimmung im Aufspüren verdeckter Psychologien, zitternd von instinktivem Verstehen und fast souverän entzündet an der winkligen Führung der Konturen, aber mit blendender, blitzender, in konzessiv manirierter Geschmeidigkeit aufpeitschender Eloquenz und im starken Rhythmus der essentiellen Klarheit und Helle des Tempos, umbraust vom wilden Atem der Zeit, deren Niederschlag durch diese empfindungssicheren Perspektiven fiebert, mit müheloser, sprühender, plastischer, preciöser Anmut gleichsam in einem facettierten Instrument verzitternd, in Ton, in der Linie, im Raum durch den köstlichen, handwerklich verschnörkelten, marmorierten Charme einer gliedernden Fülle trotz transparenten Sensationen, kleinen gelenkigen Finessen und outrierten, wenn auch funkelnden, süßlich-bezaubernden, exklusiv stilisierten, spielerischen Posen, ornamentalen, prickelnd grazilen, kompliziert primitiven, blutvoll anämischen Tableaus voll inbrünstiger Prägnanz, in restlosen Apperzeptionen, Assoziationen und mit subtiler, sublimer, mokanter Differenzierung reproduzierend, musivisch, aber panoptikal, visionär und mit einer an Beardsley und Klimt geschulten, im Detail zwingend monumentalen Technik, durch die ordnende Auf nähme der gleichzeitig und fast aufeinanderstoßend variierten Farben- und Belichtungsskalen zu einer klingenden und klaren Symphonie psychologisch-artistischer Interpretation in Wahn und Welt zwischen Beethoven, Bahr, Strindberg, Saiten, Hugo Wolf, Kornau, Walt Whitman, Soyka, Schönberg, Ziehrer, Maeterlinck, Koschat, Shakespeare, Friedell, Kant, Oppenheimer, Van Gogh, Wertheimer und Jean Paul Stefan Großmann mit den zu einer naturalistisch glühenden, analytisch determinierten Synthese verbundenen Intervallen, die mit ihrem akademischen Schwung und im brausenden Schweigen ihres noblen Unbands gleichsam federnd, über das Gelegentliche des Einfalls hinaus die behagliche, pfiffige, schmunzelnde Bündigkeit eines in der Travestie psychologisch hellseherischen Gesichts haben, wünsch wohl gespeist zu haben die Ehre gehabt zu haben. Und zum Schluß gehen wir wieder ins Tabarin und ins Parisien und ins Rekord, denn was fängt man mit dem angebrochenen Abend an, und nur, wenn wir ganz am Ende des echten Montmartre-Lebens sind, mahnt uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen die Stimme eines, der alte falsche Zähne kauft.

 

 

November, 1913.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 06:16:21 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen