Ein angenehmer Staat


»Von dem soeben aus dem Amte geschiedenen Marinekommandanten Admiral Grafen Rudolf Montecuccoli ist dem Chefredakteur des ›Neuen Wiener Tagblatt‹, Herrn Wilhelm Singer, gestern das nachstehende Schreiben zugegangen:

 

›Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Das von Euer Hochwohlgeboren geleitete, allgemein geschätzte und weitverbreitete ›Neue Wiener Tagblatt‹ behandelt maritime Fragen unentwegt in ebenso fachgemäßer wie unparteiischer Art und Weise. Ich empfinde es daher bei meinem Scheiden aus dem aktiven Dienst als ein Bedürfnis, Ihnen, hochverehrter Herr Chefredakteur, und der Redaktion Ihres geschätzten Blattes für das der k. u. k. Kriegsmarine jederzeit bewiesene besondere Interesse meinen aufrichtigen ergebenen Dank zu sagen mit der Bitte, Ihr freundliches Interesse auch meinem Nachfolger freundlichst zuzuwenden.

Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung

R. Montecuccoli,

Admiral.     

Wien, am 27. Februar 1913.‹«

 

Dieses Dokument wird vielleicht dereinst sehr historisch sein und manches erklären. Wiewohl es eigentlich in den Annoncenteil gehört, wo auch die Bitte des Nachfolgers, das geneigte Wohlwollen ihm zu erhalten, und seine Versicherung, dass er sich bemühen werde, nicht zu fehlen pflegen. Die Marineleute galten bisher als jene Klasse von Standespersonen, die, den Vorbildern eines schwankenden Festlandes entrückt, ihren Habitus am reinsten erhalten haben. Wäre es nicht beruhigend und ermutigend, wenn die Marineverwaltung erklärte, dass sie den Schritt des Herrn Grafen Montecuccoli ungewöhnlich finde und ihrerseits nicht geneigt sei, ihre Armada dem Wohlwollen des Herrn Singer anzuvertrauen? Es ist arg. Wenn unsere Zukunft auf dem Wasser liegt, so ist es Wasser auf die Steyrermühl, und ein Flottenwilhelm von ganz eigener Rass' reißt uns heraus. Wenn der Bruder Mendl den Adel bekommen, die Glückwünsche der österreichischen Hocharistokratie inklusive des Ministerpräsidenten eingeheimst hat, verschafft sich Wilhelm das Dankschreiben eines Admirals, und einem offiziellen Friedensmendl, der wie die leibhaftige Entspannung aussieht, entspricht, wenn's ernst wird, ein Gondelwolwele. Hinwiederum: wird nächstens der Mendl in besonderer Mission nach Petersburg geschickt, so dürfte Wilhelm nicht faul sein und dem Papst seinen Segen erteilen. O haltet ein! Lasset diesen Staat und seine Würde nicht an einem Bruderzwist im Hause Singer sich verbluten.

 

 

April, 1913.


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