Wozu


die Volkszählung war, weiß man endlich. Um den Statistikern über ihr grundloses Dasein hinüberzuhelfen und sie durch ein entscheidendes Erlebnis von den verzehrenden Melancholien zu bewahren? Hm. Um das Publikum den Staat fühlen zu lassen, weil die Leute, wenn man sie längere Zeit nicht zum magistratischen Bezirksamt vorlädt, übermütig werden? Immerhin. Oder weil in jedem Menschen eine unzerstörbare Sehnsucht nach dem Heimatsschein lebt und weil es die Pflicht der Obrigkeit ist, dieser Sehnsucht gelegentlich mit der Anregung entgegenzukommen, seine Dokumente zur Ausweisleistung bereitzuhalten? Kann sein. Weil der treueste Anhänger dieses verlorenen Staates sich sagt, dass ihm ein Heimatsschein noch immer lieber ist als dieser Schein von Heimat? Vielleicht. Weil in Österreich einer Behörde das was sie nicht weiß, unerheblich scheint, während sie das was sie ohnehin schon weiß, nämlich dass ich gebürtig, zuständig und wohnhaft bin, gern erheben läßt? Möglich. Weil die Stärkung der Hausmacht des Portiers wichtig war und weil ihm für die Verheimlichung des Meldzettels, die sich die Behörde hatte abtrotzen lassen, eine Revanche geboten werden mußte? Nicht ausgeschlossen. Weil abgebrannte Staaten vor allem auf die Idee verfallen, die Häupter ihrer Lieben zu zählen, und weil unbeschäftigte Ämter zum Zeitvertreib gern die Leut »umanand« treiben? Hat viel für sich. Weil die Aussichtslosigkeit vor diesem Chaos von Dialekten, in dem sich die Entwicklung mit einem verdrossenen »Schieb i denn net eh an« wehrt, die Staatssekkatur zum Justament reizt? Das wäre plausibel. Weil wir der Volkszählung wirklich »wertvolle Aufschlüsse« verdanken, zum Beispiel, dass »wir heute bereits wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, einer nahen Zeit, und auch wir haben eine City, zu der sich die Innere Stadt in unverkennbarer Weise entwickelt«? Traun! Das wäre ein Resultat. Die Erkenntnis ist wertvoll. Aber kann sie, können alle andern Argumente den großen Aufwand rechtfertigen? Also muß wohl die Volkszählung einen noch tieferen Grund haben, einen noch höheren Zweck, eine Bedeutung, von der die gezählten vierzig Millionen nichts ahnen? In einem Staat, in dem es nur markante Persönlichkeiten gibt, kommt es auf eine genaue Statistik gar nicht an. Man kennt die Leut eh. Man bemerkt jeden Gastwirt, der die Freundlichkeit hatte, sein persönliches Erscheinen beim fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des Fiakereigentümers Anton Wurzer, genannt »der Blade mit der Nelken«, zuzusagen, und man achtet den Kaffeesieder, der unermüdlich an seiner Entwicklung gearbeitet und nunmehr auch das Mezzanin dazugemietet hat. Sie sind alle unterscheidbar und ragen alle hervor. Und alle wollen wissen, wie sich alle bei der Volkszählung benommen haben. Da man aber nicht alle in den Zeitungen nennen kann, die gezählt wurden, weil sonst der sogenannte Pallawatsch noch größer würde, so genügt allen die Versicherung, dass »der Minister a. D. Zacek, Graf Adalbert Sternberg und Frau Mizzi Günther vom Johann Strauß-Theater ihre Zählbogen tadellos ausgefüllt haben«. Das entschädigt auch die Behörde dafür, dass die anderen Österreicher sich vielfach Ungenauigkeiten zuschulden kommen ließen. Das war die tiefere Bedeutung. Bei der Volkszählung hat es sich gezeigt, dass die großen, beispielgebenden Individualitäten noch nicht ausgestorben sind.

 

 

Nr. 315/316, XII. Jahr

26. Januar 1911.


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