4. Ergebnisse.
Philosophische Begründung der Kunst


Aus allem Vorangegangenen wird der Leser den Eindruck gewonnen haben, dass es unserem Philosophen keineswegs an Verständnis und Sinn für die Künste gemangelt hat und doch ein ganz tiefes, innerliches Verhältnis zu ihnen zu fehlen scheint. Gewiß dürfen wir seiner Zusicherung Glauben schenken, dass ihm "ein schönes Gedicht immer ein reines Vergnügen gemacht" hat (Kr. d. Urt.). Allein wir vermissen bei ihm das Gefühl dafür, dass den Dichtern und den Künstlern der Menschheit Würde in die Hand gegeben ist, dass, wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, ein Gott es ihnen gab zu sagen, was er leide; das Gefühl, das einen Winckelmann und Goethe nach Italien trieb, sie das Land der Griechen mit der Seele suchen ließ. Hat Kant doch nie eine der berühmten Gemäldegalerien Deutschlands besichtigt, ja nicht einmal die Sammlungen seiner Vaterstadt besonderer Beachtung gewürdigt. Und zu den "schönen" Künsten rechnet der "elegante Magister" der 60er Jahre, gewiß zum Erstaunen unserer Leser, "die Kunst zu möblieren, zu kleiden und zu putzen", "die Kunst, ein Gefolge in einem Aufzuge oder ein Conseß in seiner Pracht anzuordnen", sowie die "Feuerwerkerei"; ja auch der Kritiker der Urteilskraft noch die "Lustgärtnerei" und die "Farbenkunst"! Gleichwohl muß noch der 60jährige von der seelenbefreienden Kraft der Kunst etwas verspürt haben, das beweisen die aus einem Anthropologie-Kolleg um 1784 aufbewahrten Worte: "Die schönen Künste, die Dichtkunst, die Malerei sind alles Hilfsmittel wider den idealen Schmerz ... So sehen wir, dass sie auf verfeinerte Seelen tiefe Eindrücke machen, die für Seelen, die durch idealischen" — das heißt eben seelischen — "Schmerz gereizt sind, auch idealische Hilfsmittel haben müssen".

Seine Mängel an Kenntnissen in den einzelnen Künsten hat er wohl empfunden und zugestanden. Er, der nach Vollendung der dritten Kritik von seiner Methode recht apodiktisch zu reden pflegte, bittet an der Stelle, wo er sich zu den einzelnen Künsten zu wenden im Begriffe steht (§ 51, Anm.), den Leser ausdrücklich, "diesen Entwurf zu einer möglichen Einteilung der schönen Künste nicht als beabsichtigte Theorie zu beurteilen. Es ist nur einer von den mancherlei Versuchen, die man noch anstellen kann und soll." Es steht vielmehr, so scheint uns, auf dem Gebiete der Kunst ähnlich bei ihm, wie mit seinem Verhältnis zur Mathematik, Geschichte, der Rechts- und den Naturwissenschaften. Auf keinem dieser Einzelgebiete ist er als selbständig Schaffender aufgetreten. Sie alle interessieren ihn — so sehr ist er nach Begabung und Neigung ganz Philosoph — nur vom philosophischen Gesichtspunkt aus. Dagegen freute er sich, wenn ausübende Künstler, wie sein früherer Zuhörer, der Komponist J. Fr. Reichardt, seine ästhetischen Grundsätze weiter ausführen und ihnen so "mehrere Bestimmtheit und Ausführlichkeit" geben wollten (Reichardt an Kant, 28. August, Kant an Reichardt, 15. Oktober 1790). Darum steht es, trotz aller von uns im Vorigen selbst hervorgehobenen Mängel seines Kunstverständnisses, wahrhaftig nicht so, dass er "jedem Genius der Dichtkunst die Flügel abgeschnitten" (Joh. Georg Schlosser, 1797), dass er ein "tonloses Gemüt" besessen hätte (Herders 'Kalligone'). Dem widerspricht schon seine volle Würdigung des Genies und der dichterischen Phantasie in der Zeit der 70er Jahre (Buch II, Kap. 6). Und wenn er, bereits in der zweiten Hälfte der 60er Jahre, die Poesie "das schönste aller Spiele" nennt, so versteht er schon damals unter Spiel: das "harmonische Spiel aller Gemütskräfte", das zwar nicht zur "Arbeit" werden darf, aber "alle die Kräfte und Federn im Gemüte" (Empfindungen, Anschauungen, Gedanken) in Anspruch nimmt, indem sie sie in ein freies Spiel miteinander versetzt, das "zwar eine Absicht hat, aber keinen Zweck" (Refl. 618). Sein feines Gefühl für dichterisches Schaffen bewies er auch in der erst neuerdings (Ak.-Ausg. XV, 901—935) im authentischen Wortlaut veröffentlichten lateinischen Rede vom 28. Februar 1777, bei Einführung seines neuernannten Kollegen Kreuzfeld als Professor der Dichtkunst. Von seinen freilich mehr geistreich hingeworfenen als streng systematischen Ausführungen sind hervorzuheben: der Begriff des spielenden Scheins oder der Illusion als eines Grundelements aller Dichtung, die Gedanken vom Zauber der Sinne, der Hoheit der Dichtkunst, die Unterscheidung zwischen natürlicher und poetischer Liebe (Petrarkas Laura-Sonette), zwischen Dichter und Philosophen, die reinliche Scheidung zwischen Poesie und Logik, die Auffassung von der Aufgabe der letzteren.


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