Drama


Am seltensten hat sich Kant in seinen Schriften über seine Stellung zum Drama geäußert; die wenigen Bemerkungen über Lustspiel und Trauerspiel in den 'Beobachtungen' besagen nicht viel. Und doch hat er auch auf diesem Gebiete mehr gekannt, als seine gedruckten Schriften verraten. Wenigstens in seinen jüngeren Jahren "sah er Schauspiele gern" (Borowski). Um 1755 aber konnte er in seiner Vaterstadt sogar den berühmten Ackermann, der damals gerade in der Vollkraft seiner Jahre und seines Könnens stand, mit seiner Truppe spielen sehen; Ackermann hatte in diesem Jahre das erste ständige Theater in Königsberg errichtet, das er freüich nach dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges übereilt aufgab. Und wenn er sich gelegentlich auf Cato als Beispiel edler Heldentugend beruft, so schwebt ihm wohl Gottscheds 'Sterbender Cato' vor, dessen Titelheld eine Hauptrolle Ackermanns war. Auch sonst beweisen gelegentliche Bemerkungen der Anthropologie und noch mehr des Nachlasses über Schauspiel und Schauspielkunst, dass er öfterer Theaterbesucher gewesen sein muß. So meint er, wie von den Jugenddramen Lessings (s. Buch II, Kap. 6), auch von den Lustspielen Goldonis ('Der Diener zweier Herren'), dass sie wohl während der Vorstellung durch ihren Witz unterhielten, aber zum Schluß enttäuschten, weil sie keinen rechten Zweck des Ganzen erkennen ließen. Ein andermal redet er von dem "Anlockenden" und "Belebenden" dramatischer Aufführungen (Anthrop., § 60) und empfiehlt, Schauspiele nicht vor der Aufführung zu lesen, damit man sich nicht die unmittelbare Wirkung verderbe. Oder von der durch ein Trauerspiel bewirkten Gemütserregung, die auch körperlich in der Weise wirke, dass der Schmerz schließlich "Beförderung des Lebens", mithin "Vergnügen" hervorrufe: weil das Gleichgewicht der Nerven zuletzt durch Sattweinen oder bei Komödien durch Sattlachen wieder hergestellt werde, könne man sogar, wie er ironisch-paradox behauptet, von einem Vergnügen "nicht in der Idee, sondern im Magen" reden.*) Er sucht die Vorliebe der jungen Leute für das Trauerspiel, der Alten für das Lustspiel psychologisch zu erklären, oder er meint, derjenige Akteur sei der beste, der ohne Leidenschaft spiele! Von den antiken Tragikern scheint er Äschylus und Sophokles kaum gekannt zu haben; Plautus und Terenz führt er nur ihrer Sentenzen wegen im Munde. Sein Urteil über Shakespeare und Lessing haben wir schon früher kennen gelernt.

 

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*) Gegen diesen noch dazu in einer populären Vorlesung gemachten Scherz glaubt Schlapp allen Ernstes — Schillers Auffassung von dem moralischen Nutzen der Schaubühne ins Feld führen zu müssen!


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