Goethe und Schiller


Und wie stand es endlich mit seiner Schätzung der Größten seiner Zeit: Goethes und Schillers? Selbst wenn wir das Jahr des ersten Erscheinens seines ästhetischen Hauptwerkes (1790) als Endtermin setzen, so hatte doch Goethe außer seinem Götz schon die Iphigenie und den Egmont, Schiller außer seinen Jugenddramen den Don Carlos geschrieben, und als 1799 die dritte Auflage der Kritik der Urteilskraft erschien, waren des einen Tasso, des anderen Wallenstein hinzugekommen, die ihren Weg doch wohl auch auf die Königsberger Schaubühne, mindestens aber zu dem dortigen Lesepublikum gefunden haben,*) von den lyrischen Schöpfungen, insbesondere der hehren Gedankendichtung beider, ganz zu schweigen. Hat Kant nun wirklich, um mit Goethes Ausdruck zu reden, von beider dichterischem Wirken "nie Notiz genommen" (Goethe zu Eckermann, 11. April 1827)? Wollten wir Hasses 'Merkwürdigen Äußerungen Kants, von einem seiner Tischgenossen' (Königsb. 1804) glauben, so hätte er beide in der Tat verehrt, denn dieser erzählt (S. 29): "Dichter waren nicht seine Lieblinge, ausgenommen Haller, dessen Gedichte er fast auswendig wußte, Wieland, Goethe, Schiller usw. [sic!]." Allein diese Angabe des auch sonst recht wenig zuverlässigen Berichterstatters ist so unbestimmt gehalten, so wenig durch andere, bessere Zeugnisse gestützt, dass sie als Beweis nicht ernstlich in Betracht kommen kann. Wohl hat unser Philosoph, wie wir aus dem sechsten Kapitel des zweiten Buches wissen, Goethes Namen schon seit 1775 von anderen vernommen, und auch am 14. Juni 1789 meldet ihm sein Anhänger Reinhold aus Weimar mit Genugtuung, dass neben Wieland und anderen auch "Göthe" seiner Schrift über die Schicksale der Kantischen Philosophie Beifall geschenkt habe. Aus Jacobis Spinozaschrift (s. Kap. 3, S. 330) hat er ferner Goethes berühmtes Prometheuslied, wenn auch vielleicht noch ohne den Namen des Dichters, und das "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" (als dessen Verfasser Goethe genannt war) kennen gelernt. Aber dass der Philosoph seinerseits Goethes Dichterwerken, abgesehen vom Werther, irgendwelche Beachtung oder gar Zuneigung geschenkt, dafür gibt keine Stelle seiner Schriften, keine auch des bisher veröffentlichten Nachlasses auch nur den mindesten Anhalt. Im Gegenteil, nach dem Erscheinen der Xenien schrieb Frau Elisabeth Stägemann aus Königsberg an einen in denselben Angegriffenen, dem auch Kant befreundeten Komponisten Reichardt, dass Kant, wie sie durch eine gemeinsame Bekannte erfahren, "mit dem unwürdigen Benehmen von Schiller und Goethe höchst unzufrieden, vorzüglich aber gegen den ersteren erzürnt wäre" (Goethe-Jahrbuch 1906, S. 264).

Damit wären wir auch gleich bei Schiller. Wie der Leser weiß und wir noch sehen werden, war Schiller philosophisch Kants Jünger geworden. Wie aber redet der Philosoph in dem einzigen Briefe, den er nach einem Jahre des Wartenlassens diesem Jünger am 30. März 1795 schrieb, den damals doch schon zu Deutschlands berühmtesten Dichtern zählenden Schiller an? Als den "Gelehrten und talentvollen Mann", mit dem "die Bekanntschaft und das litterärische Verkehr ... anzutreten und zu kultivieren", ihm "nicht anders als sehr erwünscht sein" könne! Worauf dann, neben einem kurzen Dank für die Zusendung der "Ästhetischen Briefe" vor allem Bemerkungen über — den Geschlechtsunterschied in der organischen Natur, im Anschluß an eine in Schillers 'Horen' veröffentlichte Abhandlung eines Dritten, und zum Schluß der freundliche Wunsch, "Ihren Talenten und guten Absichten [!] angemessener Kräfte, Gesundheit und Lebensdauer" folgt. Damit ist in der Tat schlagender als durch irgend etwas anderes seine Unkenntnis oder das mangelnde Verständnis von Schillers Dichterpersönlichkeit erwiesen. Und ebenso steht es mit seinem Verhältnis zu Goethe: nur dass dieser ihm wohl noch fremder und gleichgültiger war (daher sein nach der Stägemann größerer Unwille über Schiller). Es ist bedauerlich, aber es ist so.

Wie haben wir diese leidige Tatsache, die sich nicht wegleugnen läßt, zu erklären? Nun, Goethe wird ihm schon von früher her, durch seine Geistesverwandtschaft mit den Stürmern und Drängern, mit Hamann und Herder, mit dem Spinozismus unsympathisch gewesen sein; von seiner durch den Freundschaftsbund mit Schiller eingetretenen Wandlung hat er schwerlich mehr erfahren. Und wenn Schillers Jugendwerke schon den reiferen Goethe heftig abstießen, so mußten sie bei Kant, bei dessen ästhetischem Geschmack, diese Wirkung erst recht erzielen. Die späteren und schönsten, aus dem Geistesbunde der beiden Dichterfreunde entsprossenen Schöpfungen aber in sich aufzunehmen, war der Philosoph mittlerweile zu alt geworden. Es war eben für diejenigen, welche um die Zeit jener ästhetischen Geschmackswende um 1770 schon im reiferen Mannesalter standen, äußerst schwer, ja beinahe unmöglich, sich in die Denkweise der neuen Zeit hineinzuversetzen. Das gilt für Kants großen Zeitgenossen auf dem preußischen Königsthron, von dem bezeichnenderweise das zweite magere Beispiel stammt, das jener in seiner Kritik der Urteilskraft (§ 49) für einen wirkungsvollen dichterischen Gedanken gibt.**) Es gilt ebenso für den Philosophen selbst, dessen ganze Kraft zudem gerade damals durch die Erzeugung seines gewaltigen Systems in Anspruch genommen war. Jene Älteren waren eben, um mit Schiller zu reden, bei allem ihrem sonstigen Genie, nicht mehr fähig, "die Natur aus der ersten Hand zu verstehen". Daraus ergibt sich schließlich eine Mißachtung des bloßen Dichters, wie sie bei Kant öfters, am bezeichnendsten vielleicht — weil ungewollt — in einem Briefe vom 27. September 1791 an seinen jungen Anfänger J. S. Beck zum Ausdruck kommt, wo er meint: "dass bloße Mathematik die Seele eines denkenden Mannes nicht ausfülle", sondern noch anderes zur Erquickung und Erholung des Gemüts hinzukommen müsse, "und wenn es auch, wie bei Kaestner, nur Dichtkunst wäre."

Hat er den übrigen Künsten mehr Interesse entgegengebracht?

 

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*) Kanter druckte Götz und Clavigo ab, die Kochsche Truppe gab die Räuber, Cabale und Liebe, Hamlet, Minna von Barnhelm (1785).

**) Es wird darin der Tod des Weisen mit dem sanften Verschwinden der Sonne im Abendrot verglichen. Friedrichs französische Verse haben unserem Philosophen so gut gefallen, dass er selbst sie — der einzige Fall in seinen Werken — in deutsche Prosa übertragen hat.


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