Ontologie, Psychologie, Kosmologie und Theologie
(Die Idee)


Nun spielten sich in allen metaphysischen Lehrbüchern der Zeit — auch in demjenigen Kompendium, das Kant selbst seinen Vorlesungen über Metaphysik zugrunde legte (vgl. Kap. 8) — als stolze, den exakten Wissenschaften sich gleich fühlende Disziplinen auf: die "rationale" Ontologie, Psychologie, Kosmologie und Theologie, also die sich selbst als vernunftgemäß bezeichnenden "Wissenschaften" vom Seienden überhaupt, von der Seele, vom Weltall und von Gott. Alle diese Scheinwissenschaften werden durch die Kritik der reinen Vernunft vernichtet. Die der transzendentalen Ästhetik und Logik als dritter Teil folgende transzendentale Dialektik zerstört den der Menschenvernunft als eine "natürliche und unvermeidliche Illusion" von alters her anhaftenden Schein, als ob Seele, Welt und Gott wirkliche, sinnliche oder verstandesmäßige "Dinge" wären.

An die Stelle des "stolzen Namens einer Ontologie" die sich anmaßt, eine Erkenntnis aller Dinge überhaupt zu geben, tritt die bescheidenere, aber dafür um so sichere 'Analytik des reinen Verstandes' (Kr. 303), insonderheit die neue Lehre vom "Ding an sich". Das vielumstrittene Ding an sich ist weiter nichts als ein Ausdruck der unserer natürlichen Denkweise anhaftenden Vorstellung eines Etwas, das immer noch übrig zu bleiben scheint, auch wenn wir alle aus uns selbst stammenden Anschauungen und Begriffe abgezogen haben, also eine in Wirklichkeit "inhaltlich ganz leere Vorstellung", ein nur hypothetisch angenommenes, unbestimmtes X, ein Gedankending (Noumenon), das ohne sinnliche Data gar keinen Sinn hat, ein bloß problematischer, ein Grenzbegriff, ein Ding, von dem wir weder etwas Bestimmtes wissen, noch — die Einrichtung unseres menschlichen Verstandes vorausgesetzt — jemals etwas wissen können.

Die Schwester der Ontologie, die "rationale" Psychologie, erklärte die "Seele" für ein immaterielles, beharrendes, einfaches und persönliches Wesen, eine für sich bestehende unzerstörbare Substanz. Demgegenüber weist die Kritik nach, dass alle vermeintlich unumstößlichen Beweise für diese Dinghaftig-keit der menschlichen Seele Fehlschlüsse ("Paralogismen") sind. Der Seelengedanke ist vielmehr für Kant nur eine "regulative Idee"; d. h. wir müssen so verfahren, als ob eine Einheit des "denkenden Subjekts in uns", d. i. aller seelischen Tätigkeiten wirklich vorhanden sei. Die kritische Psychologie bewahrt somit sowohl vor einseitigem Spiritualismus (reiner Geistigkeit), der den Zusammenhang von Leib und Seele nicht erklären kann, wie vor dem ebenso einseitigen Materialismus, der die Vorstellung unmittelbar aus körperlicher Bewegung ableitet. Ein verstandesmäßiger Beweis der Unsterblichkeit ist unmöglich, da der Begriff der Beharrlichkeit nur auf die Zeit des Lebens sich beziehen kann, der Tod aber das Ende aller Erfahrung bedeutet; ebensowenig allerdings ein Beweis des Gegenteils. Die rationale Seelenlehre ist mithin eine Scheinwissenschaft, während die empirische Psychologie, wie man heute endlich fast überall erkannt hat, zur Naturwissenschaft gehört.

Noch deutlicher tritt der natürliche "Widerstreit der reinen Vernunft mit sich selbst" in der rationalen Kosmologie hervor. Es läßt sich mit gleich einleuchtenden Verstandesgründen scheinbar "klar und unwiderstehlich" dartun, dass die Welt räumlich wie zeitlich ohne Ende, ins Unendliche teilbar, von strenger Notwendigkeit und ohne einen höchsten Urheber sei, wie — von alledem das Gegenteil. Die kritische Lösung dieser anscheinend unversöhnlichen Widersprüche ('Antinomien') liegt wiederum darin, dass beide Seiten zwei verschiedene Gesichtspunkte menschlicher Auffassungsweise darstellen. Endlichkeit und Unendlichkeit, Teilbarkeit und Unteilbarkeit, Naturnotwendigkeit und Freiheit, Zufall und bewußtes Schaffen eines schlechthin notwendigen Wesens: alle diese Zweifelsfragen, die von jeher den denkenden Menschengeist beschäftigt haben und stets beschäftigen werden, sind beide gleich mögliche Standpunkte. So stehen, um nur die dritte, wichtigste und interessanteste Antinomie zu beleuchten, alle menschlichen Handlungen, als Naturgeschehnisse, ausnahmslos unter dem Gesetz der Kausalität. Die nämlichen Handlungen können aber zugleich vom Vernunftstandpunkt aus als "frei" beurteilt werden; denn "das Verhältnis der Handlung zu objektiven Vernunftgründen ist kein Zeitverhältnis" (Proleg. § 53): ein Gedanke, der dann später grundlegend für die kritische Ethik wird (siehe Kap. 2). Die dritte Antinomie will vorläufig nur zeigen, dass beide Standpunkte an sich möglich und miteinander vereinbar sind. "Dass Natur der Kausalität aus Freiheit wenigstens nicht widerstreite, das war das einzige, was wir leisten konnten, und woran es auch einzig und allein gelegen war" (Kr. 586).

Auch die vierte metaphysische Schulwissenschaft endlich, die rationale Theologie, ist im Irrtum, wenn sie ein "allerwirklichstes" höchstes Wesen als eine besondere, für sich bestehende Substanz bewiesen zu haben meint. Alle die Jahrtausende lang für unumstößlich gehaltenen "Beweise" des Daseins Gottes sind hinfällig. Der sogenannte "ontologische", weil aus dem bloßen Begriff eines Gegenstandes nimmermehr sein wirkliches Dasein folgt. Der "kosmologische" aus der Existenz der Welt, weil man nicht berechtigt ist, von bedingten Ursachen auf eine unbedingte zu schließen. Der populärste unter ihnen, der "physikotheologische" aus der zweckmäßigen Einrichtung der Natur, ist zwar "achtungswert" und erbaulich, hält aber ebenfalls strenger Prüfung nicht Stich und würde überdies höchstens einen Weltbaumeister, keinen Weltschöpfer beweisen. Will man die Einrichtung der Natur aus dem Willen Gottes beweisen, so ist das keine Philosophie mehr, sondern ein Geständnis, dass es damit bei uns zu Ende gehe (Proleg. § 44). Gewiß hat unsere Vernunft das dringende Bedürfnis, ihre Fragen nach dem Warum? der Dinge immer weiter zu erstrecken, bis sie schließlich auf einen "Inbegriff aller Möglichkeit" stößt. Aber ein solcher ist doch eben wieder nur eine Idee, d. i. eine "notwendige Hypothese", um uns die Verknüpfung, Ordnung und Einheit der Erfahrung "begreiflich" zu machen (ebd. § 55). Man soll aber "den Namen Gottes nicht verschwenden".

So liegt die Lösung der Schwierigkeit in sämtlichen vier Fällen in dem, von Kant gegenüber ihrer Verflachung bei den Engländern und Franzosen wieder zu Ehren gebrachten, Wertbegriff der Idee. Die Ideen oder Vernunftbegriffe "konstituieren" die Erfahrung zwar nicht, wie die Kategorien und Grundsätze es taten, aber sie "regulieren" sie. Sie heißen daher auch "regulative Prinzipien", "Gesichts-" oder "Brenn"punkte, "heuristische Begriffe", "Richtlinien", die den Verstandesgebrauch vom Bedingten zum Unbedingten erweitern und mit sich selbst durchgehends einstimmig machen. Ideen, wie die des Unendlichen, der Seele, der Freiheit, der Gottheit, sind uns nicht gleich der räumlich, zeitlich und kausal bedingten Erfahrungswelt "gegeben", sondern durch die Natur unserer Vernunft notwendigerweise "aufgegeben", wie sie denn auch geradezu "Aufgaben" genannt werden, "um die Einheit des Verstandes womöglich bis zum Unbedingten fortzusetzen". Sie wollen keine neuen Anschauungen oder Begriffe von jenseits der Erfahrung liegenden ("transzendenten") Gegenständen schaffen oder irgendeine Begebenheit kausal-naturwissenschaftlich erklären, sondern nur der gesamten theoretischen Philosophie ihren systematischen Abschluß verleihen. Denn unsere Vernunft fühlt "ein weit höheres Bedürfnis, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit zu buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können". Sie fühlt sich nicht eher befriedigt, als bis sie von der Mannigfaltigkeit zu möglichster Einheit, wie sie schließlich nur in der Idee des Unbedingten liegt, vorgedrungen ist.


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