'Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft'


Mit der Aufstellung der Grundsätze ist die oberste Frage der Transzendental-Philosophie: Wie ist Natur selbst möglich? (Prol. § 36) beantwortet. Natur bedeutet: das Dasein der Dinge, sofern es nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist (§ 14). Wir kennen jetzt diese allgemeinsten Gesetze: die Grundsätze möglicher Erfahrung sind eben zugleich die allgemeinen Gesetze der Natur. Die Anwendung dieser Grundsätze auf die mathematische Naturwissenschaft gibt Kants Schrift von 1786: 'Metaphysische Anfangsgründe — heute würde man etwa sagen: Philosophische Grundlagen — der Naturwissenschaft'. Da die besondere Naturlehre nur so viel "eigentliche" Wissenschaft enthält, als Mathematik in ihr angewandt werden kann, gehören Chemie, Psychologie, Naturgeschichte, überhaupt Naturbeschreibung nicht zur Naturwissenschaft im strengen Sinne. Um eine solche, mathematisch begründete Naturwissenschaft zu ermöglichen, muß deren Zentralbegriff, der Begriff der Materie, philosophisch zergliedert und systematisch dargestellt werden. Materie aber ist, was erst heute von den bedeutendsten Vertretern der Naturforschung ganz erkannt worden ist, im Grunde nichts anderes als Bewegung. Darum "ist Wissenschaft der Natur durchgängig eine entweder reine oder angewandte Bewegungslehre". Die Newtonschen "Grundkräfte" der "Anziehung und Abstoßung", die auch Kant noch nach der Weise der Zeit seiner Betrachtung zugrunde legt, sind am letzten Ende nur ein anderer Ausdruck dieser wissenschaftlichen Grundannahme. Im übrigen will Kant schon zu Anfang der 70 er Jahre alle Erklärung "der Mathematik und den Erfahrungsgesetzen" selbst überlassen; seine Metaphysik der Natur beabsichtigt nur "gewisse falsche Voraussetzungen der reinen Vernunft" zu beseitigen (Ak.-Ausg. XIV, S. 162; vgl. 174). "Grundkräfte" aber sind "die letzte Zuflucht des Naturforschers", und mit einer Erklärung gar durch einen göttlichen Willen "gibt er sein Geschäft auf" (ebd. 223).

Die Schrift von 1786, die schon im nächsten Jahre in neuer Auflage erschien, zerfällt, dem Schema der Kategorien folgend, in vier Teile. Der erste, die Phoronomie (= Bewegungslehre) behandelt die Grundbestimmung aller Materie, die Bewegung, nur als Quantum, hinsichtlich der Zusammensetzung ihrer Geschwindigkeiten. Der zweite und wichtigste, die Dynamik, konstruiert die Materie qualitativ aus bestimmt wirkenden Kräften d. h. Bewegungsgesetzen, so dass in ganz moderner Weise der Kraftbegriff "jedes Anthropomorphismus entkleidet und in einen gesetzlichen Abfluß mathematischer Bestimmungen aufgelöst wird"*). Der dritte Teil, die Mechanik, bringt die Materie in Beziehung zu dieser bewegenden Kraft, leitet die Newtonschen Bewegungsgesetze ab, fügt die Konstanz der Masse hinzu und verwandelt die Trägheitskraft in das Trägheitsgesetz. Der vierte schließlich, die Phänomenologie (= Lehre von den Erscheinungen), behandelt die Materie im Verhältnis zu unserer Vorstellungsweise. Raum und Bewegung bleiben für die letztere stets relativ, der "absolute" Raum ist nur eine Idee.

So wird die Mechanik zum höchsten Ausdruck der exakten Naturwissenschaft, neben der den übrigen Teilen anscheinend keine Selbständigkeit zukommt. Dennoch ist Kant die volle Berechtigung der Dynamik neben der reinen Mechanik nicht verschlossen geblieben. Schon in der ersten Hälfte der 70er Jahre setzt er zwar physikalische Erklärung gleich mit Ableitung "aus bewegenden Kräften nach allgemeinen", aber auch diese sind letzten Endes nur "willkürlich angenommen". Und die ersten Ursachen können nicht mechanischer, sondern müssen dynamo-physischer Natur sein, d. h. Bewegung erzeugend, nicht bloß mitteilend (XIV, S. 161 f., 270, 470). Noch deutlicher kommt die Würdigung der Dynamik in den 90er Jahren zum Ausdruck. In dem 1795 geschriebenen Anhang zu Sömmerrings Schrift 'Über das Organ der Seele' heißt es geradezu: "Wie wäre es, wenn ich statt der mechanischen, auf Nebeneinanderstellung der Teile zu Bildung einer gewissen Gestalt beruhenden, eine dynamische Organisation vorschlüge, welche auf chemischen (sowie jene auf mathematischen) Prinzipien beruht ...?"

Doch damit gleiten wir bereits in das Gebiet der organischen Naturwissenschaft, von der erst an späterer Stelle (Kap. 5) die Rede sein wird.

 

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*) O. Buek, Einleitung zu seiner Ausgabe von Kants Schrift. Philos. Bibl. Bd. 48, S. XXXIII.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 02.01.2007 
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